Fordernde Kirche : Huber brachte Protestanten nach vorn

Der agile Bischof Huber verunsicherte viele – die Protestanten in Berlin brachte er jedoch weiter. Huber will das Evangelische profilieren, auch in Konkurrenz zur katholischen Kirche. Die Muslime empfanden den Bischof zu Recht als Zumutung.

Claudia Keller

Es gibt kaum Fotos von Wolfgang Huber, auf denen er Kinderköpfe streichelt oder Menschen an sich drückt. Der Berliner Bischof wirkte nicht wie einer, der seine Kirche zur Wärmestube macht. Huber wollte von Anfang an hinaus in die Stadt mit seiner Kirche, dorthin, wo Politik gemacht wird. Das hat er geschafft. Zusammen mit der Initiative Pro Reli brachte er zuletzt selbst den unanfechtbar scheinenden Klaus Wowereit in die Defensive. Zugegeben, nur für kurze Zeit. Aber immerhin wurde im atheistisch geprägten Berlin über Monate heftig über Religionsunterricht gestritten. Mit der Wahl des neuen Bischofs für Berlin am Freitag ging deshalb nicht nur eine 15-jährige Amtszeit zu Ende, sondern eine ganze Ära.

Als Bischof Huber 60 Jahre alt wurde, missfiel es etlichen in seiner Kirche, dass mehr Politiker zur Geburtstagsparty eingeladen waren als Pfarrer und Gemeindemitglieder. Und doch hat er diejenigen nie aus dem Auge verloren, die an den Rand gedrängt werden. Er hat sich leidenschaftlich für sie eingesetzt, aber er tat es nicht im kleinen Kreis, sondern indem er sich medienwirksam in die große Politik einmischte. Von Kameras begleitet ging er mit Asylbewerbern einkaufen und mit Arbeitslosen ins Jobcenter. Manche nervte es, dass er Gemeindefeste ausfallen ließ, um in Talkshows mit den Schröders, Schäubles und Wowereits zu diskutieren. Viele störte auch, dass er das wenig humorvoll und oft mit geballter Faust tat.

Aber wer sonst wies mit dieser Unerbittlichkeit auf das Schicksal von alleinerziehenden Müttern hin, wer auf die wachsende Kinderarmut in Berlin, auf die soziale Spaltung der Stadt? Huber ist klug und professionell und kann noch etwas anderes: Er kann Bilanzen lesen. So wusste er bei seinem Amtsantritt 1994, dass gespart werden muss. Die Einschnitte waren hart. Als das katholische Erzbistum Jahre später vor dem finanziellen Ruin stand, waren alle froh, dass Huber sie vor einem ähnlichen Desaster bewahrt hatte. Huber beließ es nicht dabei und rief gleich eine ganze Reformdekade aus.

Das immer Vorwärtsdrängende, Fordernde an Hubers Persönlichkeit verunsicherte viele, aber es brachte die Kirche weiter. Die Spaltung seiner eigenen Kirche in Ost und West konnte er allerdings nicht verringern – bei Pro Reli versäumte er es, die Pfarrer und Gläubigen im Osten mitzunehmen.

Huber will das Evangelische profilieren – auch in Konkurrenz zur katholischen Kirche. Und anders als der Papst traf Huber im Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft nie den falschen Ton. Viele Muslime dagegen empfanden den Bischof aus Berlin zu Recht als Zumutung, denn seine Profilierung ging bisweilen sehr auf ihre Kosten. Dass der protestantisch-muslimische Dialog auf der Stelle tritt, ist aber nicht nur seine Schuld.

Martin Luther soll einmal den Ausspruch getan haben: „Ecclesia semper reformanda“ – die Kirche kann sich nur treu bleiben, indem sie sich ständig verändert. Huber hat diesen Leitsatz ernst genommen. Sein Nachfolger wird daran gemessen werden.

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