Meinung : Forscher Fälscher

Betrug kommt in der Wissenschaft häufig vor – ein Fehler im System / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Den Nobelpreis für die dreisteste Fälschung in der Wissenschaft zu verleihen, wäre keine leichte Aufgabe. Die ältesten Rechte hätte wohl der Mönch Gregor Mendel, der beim Erbsenzählen geschummelt haben soll, damit seine berühmten Vererbungsgesetze herauskamen. Preisverdächtig wären auch Marion Brach und Friedhelm Herrmann, die an der Freiburger Uniklinik jahrelang gefälschte Krebsstudien fabrizierten.

Seit letzter Woche ist die Wissenschaft um einen Schurken reicher: Der deutsche Physiker Jan Hendrik Schön hat an den berühmten Bell-Labs in New Jersey vier Jahre lang Daten gefälscht, dass sich die Balken biegen. Rekordverdächtig ist nicht nur die Zahl der Fälschungen – 16 von 24 überprüften Publikationen –, sondern auch die Dreistigkeit der wissenschaftlichen Behauptungen. Schöns zentrale „Erfindung“ war ein Transistor, der nicht aus Silizium oder anderen teuren Halbleitern, sondern aus Kunststoff besteht – eine vermeintliche Revolution für die Computertechnik. Doch das war dem Meisterfälscher nicht genug, nach und nach ließ er fast jeden Traum der modernen Festkörperphysik Wirklichkeit werden: Aus seinen Plastik-Transistoren baute er phantastische Solarzellen, Laserkanonen und optoelektronische Schaltkreise. Schließlich schrieb er seinen Wunder-Chips auch noch „Supraleitung“ zu, eine wichtige Voraussetzung für den – bisher hypothetischen – „Quantencomputer“, den heiligen Gral der Computerforscher.

Solche Fälschungsskandale sind nur die Spitze des Eisberges. Dem in den USA zuständigen „Office of Research Integrity“ wurden im vergangenen Jahr 127 Verdachtsfälle gemeldet. Die Dunkelziffer ist weit höher: Fast jeder Forscher kennt Fälle, in denen ein Resultat nicht reproduzierbar war oder ein Ergebnis nicht ganz korrekt dargestellt wurde. Einen Kollegen darauf anzusprechen, bedeutet bereits einen Tabubruch in der „Scientific Community“, in der jeder von jedem abhängig ist: Der Doktorand vom Gruppenleiter; dieser vom Direktor; der Direktor von den Fachkollegen, die über Forschungsmittel und Annahme von Publikationen entscheiden.

Die Selbstkontrolle der Wissenschaft funktioniert auch deshalb nicht, weil selbst Fachleute die vielen Spezialgebiete nicht mehr beurteilen können: Die Arbeiten des 32-jährigen Schön wurden von zahlreichen Preiskomitees und Kommissionen geprüft, denen die größten Koryphäen des Faches angehörten – einschließlich mehrerer Nobelpreisträger. Schließlich passt nichts so gut zur Theorie wie intelligent gefälschte Daten.

Die Selbstkontrolle der Wissenschaft muss deshalb in den Laboren und Arbeitsgruppen selbst ansetzen. Nur die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe können Unstimmigkeiten früh erkennen und ansprechen. Nur so lassen sich die kleinen Sünden verhindern, mit denen der Betrug anfängt: Das Weglassen eines unpassenden Resultats oder die Entscheidung, ein unklares Experiment nicht zu wiederholen, um die Doktorarbeit nicht zu gefährden. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Forschungsleiter ein offenes Diskussionsklima fördern und über die Details Bescheid wissen. Statt sich diese Mühe zu machen, quetschen einige „Chefs“ bloß möglichst viele Publikationen aus ihren Mitarbeitern. Als Koautoren profitieren sie davon, werden aber bei Fehlern kaum zur Verantwortung gezogen: Der Chef der fälschenden Krebsforscher Brach und Herrmann, Roland Mertelsmann, leitet bis heute eine Uniklinik in Freiburg. Der frühere Vorgesetzte des Physikers Schön, Bertram Batlogg, ist heute Direktor an der renommierten ETH Zürich.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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