Meinung : Forum der faulen Kompromisse

Berichterstattung Berliner Museumspläne

Nun soll also die schlechteste aller denkbaren Möglichkeiten Wirklichkeit werden – kleinmütige Chefs propagieren eine kleinkarierte, in jedem Sinne billige Lösung. Man hat den Eindruck, dass Herr Parzinger und Herr Eissenhauer nach dem Entrüstungssturm auf den dilettantisch vorgetragenen Umzugsplan für die Alten Meister nicht nur das wünschenswerte „Gemeinschafts“-Projekt Museumsinsel fallen lassen, sondern bei der rasenden Talfahrt ihrer Vorschläge ängstlich ganz unten ankommen, wo sie mit der Machbarkeitsstudie festen Boden unter den Füßen vermuten, statt ernsthaft eine Mittellösung in Erwägung zu ziehen, nach der man gar nicht groß Ausschau zu halten braucht, die sich vielmehr anbietet.

Es ist zuzugeben, dass es bei einem Umzug der „Alten“ nach Mitte um das Zusammenspiel der wunderbaren Gemäldegalerie mit den Kunstwerken geschehen wäre. Es hätte aber durchaus etwas Gleichwertiges, infolge des Zusammenwirkens von Gemälden und Skulpturen, sogar etwas Höherwertiges entstehen können. Die Gemäldegalerie braucht nun nicht umgerüstet zu werden. Aber warum wird bei der „Neuordnung“ des Kulturforums dieses nicht wirklich neu gestaltet? Ein gelungener Neubau an der Potsdamer Straße hätte das Areal zu einem wirklichen Forum machen können, dazu wäre freilich eine völlige Neukonzeption zur Beseitigung der derzeitigen furchtbaren Leerfläche notwendig gewesen. Dazu wird es nun mangels eines hinreichenden Zwanges trotz lauer Lippenbekenntnisse nicht kommen. Das Ganze bleibt als Ensemble so unattraktiv wie bisher. Wir werden weiterhin mit dem eher abstoßenden Skulpturen-

Asche-Platz an der Potsdamer Straße und der anschließenden hässlichen Rampe zur Gemäldegalerie leben müssen. Dafür ist aber dann die Brache „im Hinterhof“ der Neuen Nationalgalerie bebaut, wahrscheinlich kleiner als nötig, um den Solitär von Mies van der Rohe nicht zu beeinträchtigen. Toll, dass dann der Seiteneingang der Gemäldegalerie aufgewertet wird! Dass das Gelände durch den versteckten Neubau für Touristen verlockender wird, halte ich für ausgeschlossen. Denn es scheint, von Ausnahmen abgesehen, immer das gesamte Ensemble – Platz und Gebäude – zu sein, das Menschen anzieht. Das lehrt uns die Museumsinsel. Der Lustgarten ist mit seinen angrenzenden Gebäuden ein großes „Zimmer“, in dem man sich gerne aufhält und von dem aus man die sich anschließenden „Räume“ aufsucht. So platzen Pergamon-Museum und Neues Museum aus allen Nähten und auch die anderen Etablissements. In die Gemäldegalerie hatten sich am 22. August trotz verlängerter Eintrittszeit nur gut 180 Personen verirrt, in die Neue Nationalgalerie gut 150 Personen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das mit einem deplatzierten Neubau wesentlich ändert.

Ute Eichholz, Berlin

Die geringen Besucherzahlen haben ihre Ursache nicht in der fehlenden Attraktivität der Exponate. Nach Marktwert betrachtet könnte es gut eine Milliarde Euro sein, die dort an den Wänden hängt und im Magazin liegt. Problem des Ganzen ist die unsägliche Gestaltung der Eingangssituation zur Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek. Hinter den Glastüren des Haupteingangs vermuten die meisten potenziellen Besucher eher den Eingang zum Parkhaus oder zur Museumsverwaltung als den zu einer bestens sortierten Sammlung „Alter Meister“. Aus lauter Verzweiflung hat die Direktion nun ein rotes Plastikposter mit der Aufschrift „Eingang“ neben den Glastüren anbringen lassen, in der Gestaltung ähnlich dem, womit eine Pommesbude auf die Happy-Hour hinweist. Wenn man von dem Eingang eines Museums nicht mit der Inszenierung eines herzlichen Willkommens gleichsam angezogen wird, sondern diesen suchen muss, ist das genauso daneben, wie einem Einfaltspinsel die Pointe eines Witzes

erklären zu müssen. Architektonisch ist das Ganze eine einzige Fehlplanung, die vermutlich aus einem

gerüttelten Maß fauler Kompromisse entstanden ist.

Michael Laschet, Berlin-Moabit

Sie haben die sachlichen und personellen Gründe nicht nur facettenreich beschrieben, sondern auch die Probleme einer möglichen Lösung genannt. Die gelungenen Bauten und Plätze des alten Berlins sind immer unter der Prämisse entstanden, aus wenig viel zu machen. Das Werk von Karl Friedrich Schinkel ist, bis auf das Palais des Prinzen Albrecht, immer unter Geldmangel der Auftraggeber entstanden. Im 17. und im 18. Jahrhundert hätten die Architekten sich eines Tricks bedient, um das Problem des Kulturforums zu lösen und die Nationalgalerie von Mies van der Rohe gespiegelt!

Kilian Klann, Brieselang

Das Kulturforum zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz ist nach der Museumsinsel des 19. Jahrhunderts das andere bedeutende Zeugnis für die Bewahrung von Künsten und Wissenschaft, das das missbrauchte und geschundene, das geteilte und wieder geeinte Berlin seinen Bewohnern und Besuchern in zeitgemäßer Architektur zu bieten hat. Diesen Schatz sorgsam aufzupolieren und zu erschließen – keine touristische Berlin-Erkundung ohne Kulturforum! –, gehört zu den ersten Geboten einer spezifischen Berliner Erinnerungskultur. Die Steinwüste auf dem Weg zu den Alten Meistern, die in dem für sie gebauten Haus nun wohlbehalten verbleiben, wird man hoffentlich zu vertretbaren Kosten noch ersetzen bzw. attraktiver gestalten können ...

Karsten Unger, Berlin-Heiligensee

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