Frank Schirrmacher und die Babyboomer : Die Jünger von Jünger

Die Generation des verstorbenen "FAZ"-Herausgebers ist vom 20 Jahrhundert geprägt. Die Angst vor dem Neuen hat sie nicht abgelegt

Ursula Weidefeld
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Wer trauert, offenbart immer auch etwas über sich selbst. Die Abschiedsworte von Journalistenkollegen, Verlagsmanagern und Moderatoren für Frank Schirrmacher tun noch mehr als das. Sie entblößen die Wurzeln, das Selbstbewusstsein, die Ängste und Sorgen einer ganzen Generation: Den Babyboomern, die heute die Deutungshoheit in Deutschland behaupten, wird in und mit diesem Tod schlagartig bewusst, dass auch sie sterblich sind.

Der Fernsehmoderator Günther Jauch begegnete Frank Schirrmacher erstmals zufällig bei einem sonntäglichen Spaziergang im Wald, man nickte sich zu. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann bekam von Schirrmacher ein Buch aus der Bibliothek Ernst Jüngers, kluge Köpfe, alle drei. Matthias Döpfner traf ihn zuletzt in Rom, Villa Massimo. Wo auch sonst. Die Orte, Bücher, Bäume sind Chiffren. Sie beschreiben den gemeinsamen Grund. Man geht altväterlichen Gewohnheiten wie dem Spazierengehen nach, denn man nimmt sich die Muße dafür. Man ist den ganz Großen des 20. Jahrhunderts nahe, und teilt diese Nähe mit dem Freund. Sie sind aufgewachsen jenseits der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der 68er-Generation, sie wurden geprägt und sind verbunden im Bildungs- und im neuen Großbürgertum, Alpha-Charaktere allesamt. Frauen erscheinen nur am Rand. Es sind Bilder der Macht und des Einflusses, die im Abschied gezeichnet werden.

Diejenigen, die heute um ihren Freund Frank Schirrmacher trauern, sind wie er Kinder des 20. Jahrhunderts geblieben. Thomas Mann, Ernst Jünger, Italien. Google-Gründer Eric Schmidt, das Silicon Valley, das ist ihnen immer noch die andere Welt. Wenn sie als Manager auch für den Aufbruch in das 21. Jahrhundert stehen mögen, sich selbst als Gestalter der digitalen Welt und der digitalen Wirtschaft sehen, so sind sie doch Wald, Buch, Rom geblieben. Sie fürchten das Neue, weil es die Welt verändern und ihre eigene Welt vernichten wird. Frank Schirrmacher hat diese Angst für sie formuliert, er hat sie diskursfähig gemacht.

Die Kraft und die Phantasie, die neue Welt, die neuen Möglichkeiten so zu gestalten, dass sie nicht nur Bedrohung sind – sondern Freiheit – muss eine nächste Generation aufbringen.

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