Frankfurter Buchmesse : Referenz an Alleskönner

Sarrazin, Heisig, Alice Schwarzer: Die themenbestimmende Kraft von Büchern ist momentan unbestritten. Aktuelle Debatten stehen im Zeichen kürzlich erschienener Bücher. Doch zur Entfaltung seiner Wirkungsmacht braucht das Buch meist andere Medien.

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Auch auf der Buchmesse präsent: Thilo Sarrazin.
Auch auf der Buchmesse präsent: Thilo Sarrazin.Foto: dapd

Mindestens einmal jährlich, spätestens zur Frankfurter Buchmesse, die am heutigen Dienstag feierlich eröffnet wird, ertönt der große Lobgesang auf die Wirkungsmacht des Buches. Tatsächlich hat das gedruckte Buch bis heute noch alles überlebt: das langsame Schwinden eines im engeren Sinn literarischen Publikums, die Konkurrenz digitaler Medien – und die leichtfertigsten Sonntagsreden. Wo einmal Spannungen gewesen sein mögen, so versichert man sich gern, da herrscht nun friedliche Koexistenz, als gäbe es nicht Gründe, diesen Schlüsselbegriff von Chruschtschows Außenpolitik mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen.

Wie auch immer: Die themenbestimmende Kraft von Büchern scheint im Moment so unangefochten zu sein wie lange nicht mehr. Die aktuellen Debatten um Bildung, Jugendkriminalität und muslimische Zuwanderung stehen alle im Zeichen kürzlich erschienener Bücher, von Kirsten Heisig über Thilo Sarrazin bis zu Alice Schwarzer. Und doch ist dies, ganz unabhängig von der Qualität der einzelnen Titel, nur die halbe Wahrheit. Denn das Buch ist in der Abfolge der Ereignisse nur eine Episode und der Nimbus seines Gewichts jedes Mal neu zu prüfen.

In der kulturellen Werthierarchie steht das Buch nach wie vor an oberster Stelle. Kein Medium lässt seinen Urheber leichter als denkenden, womöglich sogar sprachmächtigen Menschen erscheinen. Kein Medium gilt zu Recht als geeigneter, komplexe Ideen zu vermitteln. In der medialen Nahrungskette aber nimmt es, wie im Fall Sarrazin, eine Auslöser- und Referenzfunktion ein. Seine auf Krawall gebürsteten Thesen werden in die Boulevard- und Fernsehmaschinerie eingespeist – und am anderen Ende kommen sie, als handelte es sich um die Einsichten eines bedeutenden Theoretikers, in einem zweiseitigen Gespräch mit der „FAZ“ wieder heraus.

Kurz: Dieses Buch hat seine Wirkungsmacht nicht aus eigener Kraft entfaltet. Wahrscheinlich wäre auch Kirsten Heisig nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden, wenn sie sich nicht umgebracht hätte. Und Alice Schwarzers Einfluss basiert auf ihrer Omnipräsenz in „Bild“ und Talkshows. Hier ist eine Ablösung der Debatte vom Buch im Gang, der das Buch selbst in seiner sprachlichen und gedanklichen Gestalt kaum etwas entgegenzusetzen hat – eine Entgrenzung ins Multimediale.

Auf andere Weise betreibt auch die Frankfurter Buchmesse diese Entgrenzung. Dabei geht es nicht nur um die digitale Aufbereitung von Inhalten, wie sie mit „enhanced e-Books“ oder dem „Libroid“ vorgestellt wird, und auch nicht um den Versuch der Filialisten Thalia und Weltbild, eigene Lesegeräte durchzusetzen. Es geht auch hier um die Neubewertung des Buchs in der medialen Verwertungskette. So bietet die stark beworbene zweitägige Konferenz Storydrive Podien zu den Themen „Book meets Film“, „Book meets Games“ und „Book meets Music“; außerdem Workshops zu der Frage „Wie verkaufe ich an Hollywood?“ und „Crossing the Border – Vom Verleger zum Alleskönner“.

Der Alleskönner ist das Stichwort. Wo das Buch zumal in seinen belletristischen Formen von „Twilight“ bis „Tintenherz“ noch Massenwirkung hat, ist es mehr und mehr in multimediales Merchandising eingebunden. Die Verkündung des Literaturnobelpreises am Donnerstag in Stockholm wird daran erinnern, dass es auch noch ein Schreiben und Lesen gibt, das das Buch als einzig angemessenen Aggregatzustand betrachtet.

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