Meinung : …Frankreich

Hans-Hagen Bremer

Als die Pariser Stadträtin Marthe Richard nach dem Zweiten Weltkrieg die Schließung der „maisons closes“, der „geschlossene Häuser“ genannten Bordelle durchsetzte, hätte auch die Dirnen-Kartei der Sittenpolizei vernichtet werden sollen. Doch das wurde umgangen, und diesem Umstand verdankt die Nachwelt das Wissen, dass die populäre Sauberfrau in ihrer Jugend selbst anschaffen gegangen war. Jetzt hat die französische Sozialwissenschaftlerin Gabrielle Houbre ein Buch „Le Livre des Courtisanes“ vorgelegt, in dem sie, gestützt auf die geheimen Archive der Polizeipräfektur, ein Bild der zur Zeit der Wende vom Zweiten Empire zur Belle Epoque im 19. Jahrhundert herrschenden Sitten vermittelt, wie es ein Flaubert oder Zola im Roman nicht realistischer hätten zeichnen können.

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Prostituierte es damals in Paris gab, gibt es nicht. Etwa 4000 waren offiziell registriert und konnten so Gesundheitskontrollen unterzogen werden. Darüber hinaus gab es das Heer der „insoumises“, die die Anmeldung verweigerten und die Trottoirs bevölkerten, als „femmes galantes“ in Cafés, Theatern oder auf Rennplätzen Freier anmachten oder sich als Kurtisanen von Politikern, Bankiers oder Industriellen aushalten ließen.

Während Straßendirnen ins Gefängnis kamen, blieben Damen der Halbwelt, die sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hatten oder als Angehörige der Oberschicht zur „Haute Prostitution“ gestoßen waren, ungeschoren. Über sie führten die Schnüffler der Sittenpolizei akribisch Buch, über ihre Herkunft, ihre Tarife und die Identität ihrer Besucher.

Hundert Francs, das Monatsgehalt eines Polizisten, kostete eine „passe“ bei einer solchen Edelnutte. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt nahm mindestens das Zehnfache. Als Mann von Welt hielt man sich seine Tänzerin. Ohne vermögende Liebhaber konnte keine Ballettratte überleben. Um die berühmtesten Kokotten rissen sich Prominente wie der Prinz Napoleon, der Duc d’Aumal oder Georges Clemenceau. Manche ruinierten sich dabei. Man traf sich im „Maison d’Or“, dem exklusivsten Puff der Stadt, oder ging zur Witwe Rondy, einer auf die Vermittlung von Minderjährigen spezialisierten Kupplerin. Dem Bankier Alvarés Calderon brachte das Ärger mit der Justiz ein. Den konnte er allerdings mit Geld diskret aus der Welt schaffen. Paris, Oh là là? Es gibt keinen Grund, der verlorenen Lust nachzuschnalzen.

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