Meinung : …Frankreich

Hans-Hagen Bremer

Kennen Sie den? Woran erkennt man bei einer Podiumsdiskussion den Enarchen unter den Teilnehmern? – Es ist der, der sagt: „Ich habe Ihre Frage nicht verstanden, aber ich werde sie trotzdem beantworten.“ Solche Witze über die ENA, die Ecole Nationale d’Administration, und die kurz Enarchen genannten Absolventen der Nationalen Verwaltungsschule, erzählt man sich gern bei Pariser Abendgesellschaften. Die Franzosen sind zwar stolz auf diese Eliteschule, um die sie alle Welt beneidet. Aber für die Enarchen, die sich anheischig machen, alles und das auch besser als andere zu wissen, die die höchsten Posten im öffentlichen Dienst und die Schaltstellen von Wirtschaft und Finanzen innehaben, für diese „Mandarine der Republik“ haben sie oft nur Spott übrig. Jetzt hat Francois Bayrou, der Chef und Präsidentschaftskandidat der kleinen Zentrumspartei UDF, die Abschaffung der ENA gefordert.

„Es ist nicht gesund, dass alle Verantwortlichen der obersten Verwaltung und ganze Führungsetagen des privaten Sektors aus derselben Schule hervorgehen“, begründete er seine Forderung. Bayrou, selbst kein Enarch, führt seinen Wahlkampf als „Kandidat gegen das System“. Er will die Blockaden der französischen Gesellschaft durchbrechen. Die ENA nennt er Teil eines „Kastensystems“, dessen Angehörige sich zu einer „besonderen Gattung der Menschheit“ zählten, sobald sie mit 23 Jahren das Abschlussdiplom erhalten. „Sie denken aber nur in einer Richtung, teilen Macht und Einfluss mit einem Augenzwinkern unter sich auf und verriegeln Frankreich von oben.“

An die Stelle der ENA, die de Gaulle 1945 gründete, um Frankreich nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs ein auf Leitung und Auslese beruhendes Beamtencorps zu geben, will Bayrou eine „Schule des öffentlichen Dienstes“ setzen. Deren Absolventen sollen nicht sofort in hohe Positionen gelangen, sondern erst nach langjähriger Berufserfahrung.

Vor Bayrou haben schon andere prominente Politiker wie die früheren Premierminister Laurent Fabius, Alain Juppé oder Michel Rocard, allesamt Enarchen, ENA-Schelte geübt. Das führte immerhin zu Reformen. Die wichtigste war ihr Umzug von Paris nach Straßburg, verbunden mit einer stärkeren Praxisorientierung und Internationalisierung. Doch einfach auflösen? Das wollen die Franzosen laut Umfragen nicht. So wird man sich bei Pariser Abendgesellschaften auch noch in zehn Jahren ENA-Witze erzählen. Diesen zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen einem TGV und einem Enarchen? Antwort: Wenn der TGV entgleist, hält er an.

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