Meinung : Französische Verhältnisse

Der Aufruhr in der Banlieue rüttelt an vielen Gewissheiten – auch in Deutschland

Malte Lehming

Wir hatten darauf gewartet. Nach Tagen des Vandalismus in einem Land, das eines der engsten Partner Deutschlands ist, gab Noch-Kanzler Gerhard Schröder seine Zurückhaltung auf. Die Katastrophe, mahnte er, zeige die Gefahren eines schwachen Staats und einer entsolidarisierten Gesellschaft. Das allerdings geschah nicht gestern, sondern vor zwei Monaten, als New Orleans überspült worden war. Damals warnte Schröder vor „amerikanischen Zuständen“.

Und heute? Was fällt ihm zu Frankreich ein, dem Musterland eines europäischen Sozialstaats, der seit den ersten Vorstadtunruhen Anfang der 80er Jahre mehr als 40 Milliarden Euro in seine Krisenzonen investiert hat? Zeigt er sich erschüttert darüber, was in jener „Grande Nation“ geschieht, die sich die Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben hat? Warnt er vor „französischen Zuständen“? Nein, Schröder schweigt. Brennende Autos, Straßenschlachten: Das passt nach Los Angeles, nicht aber ins Alte Europa. Hier mag die Wirtschaft marode sein, aber wenigstens führt man keine Kriege und kümmert sich umeinander.

Schröders Schweigen ist ein Symptom. Was in Frankreich passiert, stellt vieles auf den Kopf. Als die rot-grüne Bundesregierung das Staatsbürgerschaftsrecht reformierte, galt das französische Modell als Vorbild. Immigranten müssten die Sprache lernen und naturalisiert werden, hieß es, dann würden sie integriert. Aber die Molotowcocktails in Paris, Rouen, Nantes, Bordeaux, Toulouse und Marseille werden nicht von Ausländern geschmissen, sondern von Franzosen. Die meisten davon sprechen fließend Französisch.

Wer den Schaden hat, aber nicht ganz frei ist von Überheblichkeit, bei dem verdoppelt sich der Spott. Jetzt hat auch Frankreich, wo die Sympathie für radikale Palästinenser oft groß ist, seine Intifada, höhnt es aus Israel. Amerikanische Kommentatoren wiederum weisen darauf hin, dass in der französischen Regierung kein einziger Franzose nordafrikanischer Herkunft vertreten sei. In den USA dagegen gibt es eine schwarze Außenministerin, schwarze Schauspieler, Sänger oder TV-Moderatoren sind normal. Gerade hat das „Wall Street Journal“ in einer Analyse („Our Immigrants, Their Immigrants“) den zentralistischen französischen Wohlfahrtsstaat für die Misere verantwortlich gemacht.

Die Dinge fügen sich nicht. Unsere Erklärungsreflexe werden dem Aufstand der Unanständigen nicht gerecht. Plötzlich mahnen die Mullahs in Teheran von Paris die Einhaltung der Menschenrechte an. Die Türkei macht das Kopftuchverbot für die Gewalt verantwortlich. Und haben wir nicht alle die Bilder der Flüchtlinge in Marokko im Kopf, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen, wo sie doch angeblich keine Perspektive haben? Viel Hass im Bauch, in einer Hand das Handy, in der anderen den Brandsatz: Die Verdammten unter uns folgen ihrer eigenen Logik. Perplex hecheln wir den Ereignissen hinterher. Verstanden hat sie noch keiner.

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