Meinung : „Frau Illner, Sie müssen vorsichtig sein“

Moritz Döbler

Viel Kritik hat er sich selten anhören müssen. In seiner zwölfjährigen Amtszeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens war Heinrich von Pierer bei der Belegschaft und in der Öffentlichkeit durchweg beliebt. Er galt als die Verkörperung des soliden deutschen Managers, als Führungskraft mit Sinn fürs Gemeinwohl. Als Aufsichtsratsvorsitzender, der er seit zwei Jahren ist, würde er sich wohl am liebsten in der Rolle eines Elder Statesman sehen, der über jeden Zweifel erhaben ist.

So ist vielleicht zu erklären, dass der 65-Jährige die ZDF-Moderatorin Maybrit Illner am Donnerstagabend vor laufenden Kameras regelrecht angiftete, als sie sehr gezielt nach den Vorstandsbezügen bei Siemens fragte – deren umstrittene Erhöhung er mitbeschlossen hat. Er sieht es als einen unglücklichen Zufall an, dass der Beschluss just publik wurde, als die an BenQ verkaufte Handysparte pleiteging.

Der Franke, der seit 1969 für Siemens arbeitet, hat sich über viele Jahre als Strippenzieher in Wirtschaft und Politik gehalten. Er verkörpert die Deutschland AG: Nicht nur bei Siemens sitzt der promovierte Jurist im Aufsichtsrat, sondern bei der Deutschen Bank, bei VW und einer Reihe anderer Top- Adressen. Und auch mit der Bundesregierung ist er bestens vernetzt, egal, wer gerade an der Macht ist. So hat das CSU-Mitglied – er war sogar mal Stadtrat in Erlangen – Gerhard Schröder auf zahlreichen Reisen begleitet, hat mit ihm Tennis gespielt und ist im Kanzleramt ein und aus gegangen. Genauso gut hätte er sich mit Edmund Stoiber als Kanzler arrangieren können, und geschmeidig arbeitet er mit Angela Merkel zusammen. Die Bundeskanzlerin ließ sich von ihm im Wahlkampf beraten und übertrug ihm die Leitung eines neu geschaffenen Rats für Innovation und Wachstum. Beinahe wäre er wirklich Elder Statesman geworden: Bundespräsident nämlich. Er galt lange als möglicher Kandidat der Union und ließ wenig Zweifel daran, dass ihm der Job gefallen hätte.

Daraus wurde nichts. Und nun ist auch sein Erbe bei Siemens durchaus in der Diskussion. Denn sein Nachfolger Klaus Kleinfeld – zwei Köpfe größer – lässt keinen Stein auf dem anderen. Da wird die Handysparte ohne viel Rücksicht auf Verluste abgestoßen, das Telefonnetz-Geschäft wandert in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der finnischen Nokia, in der IT-Sparte werden 6000 Arbeitsplätze abgebaut – und das alles stets mit ausdrücklicher Billigung des Aufsichtsratschefs.

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