Meinung : Freiheitsgenießer, keine Freiheitskämpfer

Nicht nur beim Rauchen: Die Deutschen haben ein seltsames Verständnis von Liberalität

Harald Martenstein

Wie funktioniert Deutschland? Viele ausländische Besucher der WM finden Deutschland erstaunlich. Die Journalisten unter ihnen berichten darüber. Wie leicht, wie locker, wie aufgeknöpft dieses Land doch sei, wie weit es sich entfernt habe von den alten, finsteren Bildern im Kopf.

Aus einem Staat, in dem fast alles verboten war, ist Deutschland im Laufe einiger Jahrzehnte zu einer Weltgegend geworden, in der sehr vieles erlaubt ist. Wir haben ein unverkrampfteres Verhältnis zur Nacktheit als die meisten anderen Nationen, vielleicht sogar zur Sexualität, unsere Sommernächte sind ein einziges Fest, auch dann, wenn gerade keine WM stattfindet. Konventionen spielen keine große Rolle. Wer in kurzen Hosen zu einer Bundespressekonferenz gehen möchte, kann es tun. Wer in Deutschland mächtig oder berühmt ist, spielt diese Tatsache in der Regel herunter, die meisten von uns legen keinen gesteigerten Wert auf Titel oder hierarchischen Abstand, wir duzen uns schnell, ähnlich wie die Skandinavier.

Nicht alles steigert die Lebensqualität. Ein deutscher Hund ist, im internationalen Vergleich, bei der Verrichtung seiner Notdurft bemerkenswert frei, er tut es, wo er möchte. Lange Zeit haben deutsche Politiker sich, im Gegensatz zu ihren Nachbarn, gegen ein Rauchverbot in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden gewehrt, erst jetzt wendet sich das Blatt. Der deutsche Sonderweg beim Rauchen hängt mit der Macht der Tabaklobby zusammen, aber auch mit unserem Verständnis von Liberalität.

Einen ungehemmten Wirtschaftsliberalismus lehnen die meisten Deutschen allerdings ab, wie die letzten Wahlen gezeigt haben. Der Staat soll uns behüten und schützen, auch mit Hilfe von Gesetzen, im Privatleben dagegen gilt das Laissez-faire-Prinzip. Wir lieben die Freiheit, das Risiko mögen wir weniger. Man hat diesen Widerspruch sehr schön bei der vergangenen Regierung Schröder beobachten können, die ein Antidiskriminierungsgesetz auf den Weg brachte, das in Europa einmalig ist. Niemand soll in Deutschland auch nur die geringsten Nachteile erleiden, nur, weil er oder sie irgendwie anders ist. Im Umgang mit halb- oder vierteldemokratischen Regimen in Russland oder China, wo das Anderssein lebensgefährlich sein kann, ist die gleiche Regierung überraschend nachsichtig gewesen. Wir sind keine Freiheitskämpfer, nur Freiheitsgenießer. Unsere Geschichte hat uns gleichzeitig unkämpferisch und freiheitsliebend gemacht, wir lavieren uns gerne durch, ohne Streit, ungezwungen, mit viel Fiesta, das kann man liebenswert finden. Beim Thema Rauchen aber zeigt sich, dass man sich mit der Freiheit nicht immer leicht machen kann. Die Freiheit des Rauchers belästigt den Nichtraucher, sie kann ihm sogar schaden. Freiheit bedeutet halt doch manchmal Risiko. Fast immer gilt: Nicht alle können gleichzeitig vollkommen frei sein. Wenn ein Raucher und ein Nichtraucher gleichzeitig in einem Lokal sitzen, muss zwischen zwei Arten der Lebensführung eine Entscheidung getroffen werden. Am besten wäre es, man einigte sich gütlich, ohne den Staat. Aber wann, bei welcher Frage, in welchem Land, hat das bei einem Konflikt jemals wirklich funktioniert?

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