Meinung : Fremdenfeindlichkeit: Ein tolerantes Auto

Antonio Skarmeta

Seit fast einem Jahr lebe ich in Berlin. Immer wieder erhalte ich Anfragen begabter Studenten aus Lateinamerika, die in Deutschland studieren möchten: Ist es ein sicheres Land? In meiner Heimat leben Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben. Einige können in Deutschland auf den ersten Blick als Ausländer identifiziert werden. Ich erkläre den Studenten, dass es in bestimmten Gebieten Deutschlands Risiken gibt, dass aber der Großteil der Bevölkerung liebenswürdig ist und keine Vorurteile hat.

Die Diskussion, welche Möglichkeiten es gibt, den Anstieg der Gewalt gegen Ausländer zu bremsen, habe ich aufmerksam verfolgt. Und bemerkt, dass - neben dem Ruf nach einem Verbot intoleranter Organisationen - sensible Bürger zu Zivilcourage aufrufen. Solche Aufrufe kommen vor allem von gebildeten, zum Teil religiös geprägten Menschen. Das ist normal. Ebenso, dass junge Leuten, die auf ihren Reisen diversen Kulturen begegnet sind, diese Apelle eher mit Sympathie als mit Ablehnung betrachten.

Überraschend ist für mich jedoch ein Werbefilm, der zum Rassismus ermutigt. Dieser Film zeigt ein Auto, das auf eine Bar am Straßenrand zusteuert. In dem Auto sitzen Jugendliche, die eine Pause machen wollen. Als das Auto anhält, führt uns die Kamera sehr eindringlich vor Augen, was die Jugendlichen dort erwartet: Brutal wirkende, offenbar betrunkene Männer, die sich aggressiv bewegen - ein feindseliges Klima, wie es leider an bestimmten Orten sehr real ist.

Es folgt eine Nahaufnahme des Autos: Auf dem Beifahrersitz sitzt ein Mädchen mit dunkler Haut. Die anderen Passagiere sehen aus wie die überwältigende Mehrheit der Bewohner dieses Landes. Der Fahrer peilt einen Wimpernschlag lang die Lage und entscheidet, mit dem stillschweigenden Einverständis der Gruppe, weiterzufahren.

Erstaunlich, dass ein ausländischer Beobachter der Auto-Reklame so viel Aufmerksamkeit schenkt? Diese Bilder lösen bei ihm Neugier, Staunen und Erregung aus. Ich verachte Werbung keineswegs, viele spots finde ich unterhaltsam, aber selten habe ich einen Werbefilm gesehen, der sich mit Takt und Eleganz des Themas Fremdenfeindlichkeit annimmt. Das Auto, das beworben wird, ist aus deutscher Produktion, die Marke ist eine der beliebtesten auf dem europäischen Markt. In vielen Ländern werden regionale Versionen der Modelle produziert, zum Beispiel in Mexiko und Brasilien.

Der Film zeigt das Verhalten von Jugendlichen, die beschließen, sich nicht in eine Gefahr zu begeben, über die sie aus den Medien und auf Grund eigener Erfahrung informiert sind. Soll man militant und radikal argumentieren: Dass es wünschenswert wäre, dieser Gefahr entgegenzutreten?

Man kann in diesem Werbefilm auch einen dankenswerten Sub-Text entdecken: In dem deutschen Auto reist eine Gruppe von guten Freunden, zu denen ein Mädchen anderer Hautfarbe gehört; vielleicht ist sie schon einmal von einzelnen oder mehreren fanatischen Ultra-Nationalisten belästigt worden. Das Auto ist das Land. Ein Territorium, das von Menschen unterschiedlicher Herkunft bevölkert wird. Die Botschaft der Werbefilmer lautet: Die Filmhelden ignorieren oder verachten die alkoholisierten und gewaltbereiten groben Kerle, die in ihrer ganzen Mittelmäßigkeit zurückbleiben.

Immer wieder höre und lese ich in den Medien von schamlosen Angriffen rechtsradikaler Gewalttäter, aber nur selten tauchen die kleinen oder großen Akte von Zivilcourage in den Schlagzeilen auf. Ich würde diesem kleinen Fernsehfilm kein so hochtönendes Etikett geben, aber er erscheint mir wie ein sympathischer Beitrag zu einer globalen Ethik.

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