Meinung : Freundliche Übernahme

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Von Bernhard Schulz

Berlin im Mittelpunkt bundespolitischer Dramatik – das ist die Rolle, die einer Hauptstadt zukommt. Eigentlich wollte heute der Bundestag über die Empfehlungen der „Kommission historische Mitte Berlin“ debattieren. Doch der Kanzler machte bereits gestern Nägel mit Köpfen. In seinem Gespräch mit Berlins Regierendem Bürgermeister Wowereit legte Schröder die Marschroute fest, auf der sich Bund und Berlin zur Gestaltung der wichtigsten Areale der Hauptstadt künftig bewegen wollen.

Es geht um die Gestaltung der leeren Mitte Berlins, das Gelände des einstigen Hohenzollernschlosses. Es geht daneben – und das ist in der Hektik der vergangenen Tage fast zur Nebensache verkümmert – um die Sanierung der Museumsinsel, das Herzstück des in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz versammelten Kulturerbes des Staates Preußen, der in besagtem Schloss verkörpert ist. Dieser Zusammenhang sollte nicht übersehen werden. Er ist ein räumlicher, aber vor allem auch ein geistiger, denn die Museen auf der Inselspitze nahmen ihren Ausgang auf königliche Order hin, ausgefertigt im Schloss. Preußen ist nicht mehr – doch der Bund tritt, was die Spreeinsel betrifft, nunmehr das preußische Erbe an. Das ist der Kern des gestern vereinbarten Vorgehens von Bund und Berlin.

Man kann es auch prosaischer sagen: Der Gesamtstaat bekennt sich zur Verantwortung gegenüber seiner Hauptstadt, die aus eigener Kraft jene zentralen Baulichkeiten nicht schaffen kann, die eine Kapitale kennzeichnen. So erscheint das gestern von Schröder und Wowereit vereinbarte Vorgehen als folgerichtig. Zum einen übernimmt der Bund die gesamten Kosten der Wiederherstellung der Museumsinsel. Dies gilt nicht nur für die kommenden beiden Jahre. Zwar stehen anschließend ohnehin Verhandlungen über die Zukunft der gesamten Stiftung Preußischer Kulturbesitz an, dann aber unter Einschluss aller Bundesländer. Unabhängig davon bezahlt der Bund die Museumsinsel ganz, Berlin ist davon ein für alle Mal entlastet.

Zum anderen aber nehmen Bund und Land die Empfehlungen der Schloss-Kommission, die diese im vergangenen Monat vorgelegt hat, zunächst lediglich zur Kenntnis. Eine offene Ablehnung wäre denn auch ein handfester Skandal, waren doch schließlich Bund und Land Auftraggeber der Kommission. Dass nun allerdings eine zweite Kommission zur Prüfung der Empfehlungen der ersten eingesetzt werden soll, entbehrt nicht der Komik. Vor allem bleibt eine breite Hintertür für diejenigen geöffnet, die ohnehin alles anders haben wollen, als es die Schloss-Kommission vorgeschlagen hat.

Ungeachtet aller taktischen Klimmzüge aber besteht der Gehalt des gestrigen Gesprächs darin, dass der Bund in den zentralen baulichen Aufgaben seiner Hauptstadt Verantwortung übernimmt. An die Stelle verschleierter Einzelvereinbarungen und Kofinanzierungen tritt das klare Bekenntnis zur Hauptstadt, nicht anders als in anderen Hauptstädten, von Paris bis Washington. Gewiss ist noch ein weiter Weg bis zur Wiederherstellung der Spreeinsel – und Gelegenheit zu zahllosen Debatten zumal übers Schloss. Aber immerhin: die Richtung ist eingeschlagen – und sie ist eindeutig.

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