Meinung : Frieden im Umkehrschluss

Wie kann der Irak stabilisiert werden? Die Bombenziele der Extremisten weisen den Weg

Clemens Wergin

Bomben sind auch Botschaften. Und so sprechen die Anschläge, die den Irak in den letzten Wochen erschütterten, eine eigene Sprache. Man kann aus ihnen lernen. Weil die Extremisten sich die Ziele aussuchen, von denen sie glauben, dass sie am ehesten geeignet sind, den Irak zu befrieden.

Der Anschlag gegen die jordanische Botschaft soll verhindern, dass sich die Beziehungen zu den arabischen Ländern normalisieren. Die UN-Mission wurde gesprengt, damit sich niemand im Irak sicher fühlen kann, auch nicht mit UN-Mandat. Dann suchten sich die Extremisten jene Schiiten als Ziel, die einen Vertreter in die Übergangsverwaltung entsandt hatten, und töteten ihren Anführer Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim. Gestern folgte wieder ein Anschlag auf Polizisten, die von den Amerikanern ausgebildet werden. Aus den Attacken lässt sich also im Umkehrschluss ein Rezept zur Befriedung des Irak destillieren: internationale Legitimierung ihrer Aufbauversuche, Akzeptanz in der arabischen Öffentlichkeit und eine größere irakische Komponente in der Führung des Landes. Ist die Botschaft angekommen?

Die Bush-Regierung ist notorisch zerstritten darüber, wie viel Macht sie an die UN abgeben kann. Aber UN-Generalsekretär Kofi Annan hat Kompromissbereitschaft angedeutet. So könnte eine internationale Truppe unter UN-Mandat von einem amerikanischen General geführt werden. Sogar die in Irak-Fragen renitente Pralinengroßmacht Belgien hat angekündigt, in solch einem Fall mitzumachen. Die Türkei, Indien und Pakistan wären wohl auch mit von der Partie. Wenn die Bush-Regierung über ihren Schatten springt, könnte sie bald durch internationale Kontingente entlastet werden. Schlechter sieht es mit der Akzeptanz in der arabischen Welt aus. Viele arabische Intellektuelle ergießen sich aus verletztem Stolz lieber in Hasstiraden gegen die Besatzer, als die Chance zu sehen, die in einer Demokratisierung des Irak liegt. Die fürchten zum Beispiel die in der Arabischen Liga organisierten Despoten der Region, sie haben der irakischen Übergangsregierung bisher die Anerkennung versagt: Der Verwaltungsrat sei nicht demokratisch gewählt. Wenn dass das Kriterium ist, müsste sich die Liga gleich selbst auflösen. Allmählich setzt aber unter moderateren Regimen ein Umdenken ein – befördert auch durch das neue irakische Kabinett, das gerade vom Rat eingesetzt wurde.

Ab sofort führen Iraker das Außen-, Innen-, Finanz- und Ölministerium. Ein kleiner Schritt vorwärts bei dem Versuch, der Verwaltung ein irakisches Gesicht zu geben. Allerdings gibt es weiter keine Integrationsfigur an der Spitze – vergleichbar einem Adenauer in Nachkriegsdeutschland. Dem steht allerdings die empfindliche Machtbalance zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen in der Übergangsregierung entgegen.

Die Amerikaner werden noch lange brauchen, um diese Zentrifugalkräfte zusammenzuzwingen. Und sie müssen alles tun, damit die Extremisten nicht wieder zuschlagen: Je schärfer das Profil der Übergangsregierung wird, desto eher werden die Minister zur Zielscheibe für Extremisten. Trotz mehrfacher Anfragen sind einige Rats- und Kabinettsmitglieder kaum gegen Anschläge geschützt. Es wird Zeit, dass die Amerikaner aus ihren Fehlern lernen – bevor es wieder zu spät ist.

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