Sozial im Kleinen, nachhaltig im Großen

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Friedensnobelpreis an die EU : Seltsam, schwierig... Doch warum eigentlich nicht?
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Man muss also nachsichtiger mit ihr sein, mit dieser Gemeinschaft von Staaten, man muss von ihr überzeugt sein ohne überzeugende Köpfe, ohne überzeugende Krisenkonzepte und ohne unregelmäßig gekrümmte Bananen. Möglich ist das. Aus drei Gründen.

Nach dem Testament des schwedischen Dynamit-Erfinders Alfred Nobel soll der Friedensnobelpreis Persönlichkeiten oder Organisationen auszeichnen, die am meisten auf „die Verbrüderung der Völker“ hingewirkt haben. Besonders hervorgehoben wurden „die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere“ sowie die Ausrichtung von Friedenskongressen. Und auch wenn die in den letzten Monaten oft erwähnten Europa-Friedens-Ideale der Helmut-Kohl-Generation heute überholt, weil selbstverständlich vorhanden wirken, wird niemand bestreiten, dass die EU den längsten Friedenslauf der europäischen Geschichte ermöglicht hat.

Friedensnobelpreis: Die Preisträger der vergangenen Jahre
Das "Nationale Dialogquartett" aus Tunesien hat den Friedensnobelpreis 2015 bekommen. Die Präsidentin des Arbeitgeberverbands, Ouided Bouchamaoui (von links), der Generalsekretär des größten Gewerkschaftsverbands, Houcine Abassi, der Präsident der tunesischen Menschenrechtsliga, Abdessattar Ben Moussa und der Chef des Anwaltsvereins, Mohamed Fadhel Mahmoud haben mit ihrem Dialogprozess das Abgleiten Tunesiens in einen Bürgerkrieg zwischen Säkularen und Islamisten verhindert.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Anis Mili/Reuters
09.10.2015 23:53Das "Nationale Dialogquartett" aus Tunesien hat den Friedensnobelpreis 2015 bekommen. Die Präsidentin des Arbeitgeberverbands,...

In der aktuellen Dauerkrise wird überdies gerne vergessen, dass die EU eine unglaubliche wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist. Wer das bezweifelt, möge sich die Geschichte von Ländern wie Irland der letzten 100 Jahre anschauen und überprüfen, wie oft dort das Wort Hungersnot vorkommt. Auch Portugal, Griechenland und andere jetzt kriselnde Länder waren nach heutigem Maßstab vor 50 Jahren noch Entwicklungsländer.

Und drittens pflegt das Komitee den Friedennobelpreis als Aufforderung zu mehr vom Guten vergeben. In diesem Fall, bei der EU, also zu mehr Kooperation, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit. Vor allem aber als Aufforderung, dieses geniale, große Projekt Europäische Union nicht einfach vor lauter nationaler Egoismen und politischer Kurzsichtigkeit vor die Hunde gehen zu lassen. Nicht nur die EU braucht mehr EU, auch die Welt tut das. Der Kern der Union ist nicht der Euro, sondern die Idee von einem sozialen Miteinander im Kleinen und einem nachhaltigen Wirtschaften im Großen. Wo sonst auf der Welt gibt es ein auch nur ansatzweise vergleichbares Projekt? Das Nobelpreiskomitee hat eine antizyklische, zunächst wenig verständliche und gefühlt seltsame Entscheidung getroffen. Aber es war eine gute.

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