Meinung : Friedensnobelpreis: Mehr Hoffnung als Dank

Malte Lehming

Der Titel täuscht. Die Vereinten Nationen haben ihren Namen nicht verdient. Denn die Nationen dieser Erde kommen in ihr nicht zusammen, sondern die Staaten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Nur eine Minderheit der 189 Mitgliedsländer wird demokratisch regiert. Doch können allein die Demokratien für sich beanspruchen, den Willen ihrer jeweiligen Bevölkerung zu repräsentieren. In der Mehrheit, die alle anderen Staaten bilden, herrschen Potentaten, Diktatoren und Monarchen. In einigen Ländern, wie sich aktuell gerade in Afghanistan zeigt, wird die Macht von religiös inspirierten Militärs ausgeübt. Ist das Wort nicht zu neutral?

Das Etikett "Uno" führt sogar zwei Mal in die Irre. Denn vereint sind die Nationen, die eigentlich Staaten sind, im Rahmen der Uno höchst selten. Große Interessenblöcke, wie jüngst bei der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban gesehen, können durch provozierende Radikalität das Aufkommen einer kollektiven Vernunft verhindern. Andere notwendige Initiativen, wie der Kampf gegen Aids und Armut, bleiben durch Kurzsichtigkeit und Apathie im Stadium gut meinender Bekenntnisse stecken. Die Liste der Fehl- und Rückschläge, der Peinlichkeiten und Pannen, die sich die Welt im Namen ihrer Nationen schon geleistet hat, ist erschreckend lang. Antiquierte Entscheidungsstrukturen kommen hinzu. Die zentralen Beschlüsse fallen im Sicherheitsrat. Dort haben jene fünf Staaten ein Veto-Recht, deren Techniker vor vielen Jahrzehnten als Erste in der Lage waren, Atomwaffen zu bauen. Dieses Kriterium legitimiert die herausgehobenen Machtbefugnisse der fünf Staaten bis heute.

Weder Nationen, noch vereint: Die Uno ist das getreue Spiegelbild unserer Welt, eine dokumentierte und institutionalisierte Wiedergabe ihrer Egoismen, ihrer Empfindlichkeiten, aber auch ihrer Hoffnungen und Visionen. In der Verleihung des Friedensnobelpreises an diese Organisation und ihren Chef, UN-Generalsekretär Kofi Annan, kommt freilich stärker das zweite Element zur Geltung. Es ist ein Trotzdem-Preis. Er ist auf die Zukunft gerichtet, nicht auf die Vergangenheit. Er fordert mehr, als dass er belohnt. Zwar zählt das norwegische Komitee in seiner Begründung viele Leistungen Annans auf, für die es sich dankbar erweist. Aber niemand macht ein Geheimnis daraus, wann die Wahl getroffen wurde. In diesem Jahr ist der Zeitpunkt besonders aussagekräftig. Am 28. September, also 17 Tage nachdem sich die politischen Koordinaten der Welt durch die Terroranschläge in den USA dramatisch verändert hatten, fällte das Komitee seine Entscheidung.

Das Votum soll an die Verheißung erinnern, die in dem Begriff von den "Vereinten Nationen" mitschwingt. Dieser Titel birgt ein Ziel, ein Versprechen. In einer globalen Stimmung, die von Unsicherheit geprägt ist, ja von Angst, in einer Zeit, die den Horizont der Schreckensfantasien bis an die Grenzen des Schwindelgefühls erweitert hat, wirkt die Betonung der Weltgemeinschaft wie ein trotziges Aufbegehren. Lasst uns mehr sein als die Summe unserer Staaten: Das ist der Ruf, der am Freitag aus Oslo nach New York ertönte.

Kofi Annan hat nach dem 11. September schnell und klug reagiert. Er hat den Terrorismus als Gefahr verdammt, die sich nicht gegen eine Stadt oder ein Land richtet, sondern "gegen uns alle". Er hat mitgeholfen, eine internationale Koalition zu schmieden, die den Kampf gegen dieses Übel unterstützt. Er hat der Versuchung widerstanden, in die Ja-aber-Phraseologie zu verfallen, die Differenzierung suggeriert, in Wahrheit jedoch die moralischen Konturen verwischt. Ja, der Terror ist schlimm, sagen deren Vertreter, aber auch Krieg ist schlimm und die Armut und der Kapitalismus und der Nahostkonflikt und die Überheblichkeit der Vereinigten Staten und und und. Annan hat erkannt, dass der international operierende Terrorismus qualitativ etwas Neues ist. Am 11. September hat auch für ihn die schwierigste Phase seiner Amtszeit begonnen. Der Friedensnobelpreis setzt ihn und seine Organisation weiter unter Druck. Vieleicht ist das die Botschaft: Erst dann, wenn die Völker dieser Welt keine Angst mehr haben müssen vor dem Terror, können sie sich als Nationen vereinen. Erst dann hätte die Uno ihren Namen verdient.

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