Meinung : Friedliche Demo: Zwischen Rosa und Gabi

Matthias Meisner

Die Rosa-Luxemburg-Demo ist das erfolgreichste Projekt der PDS. Das ist, ohne Zweifel, auch ein Pop-Phänomen. Ein Leben von beeindruckender Intensität und Glaubwürdigkeit, zu früh beendet. Oder auch: früh genug, um nicht noch den Verrat an den eigenen Ideen, das Versagen der inneren Stimme oder die Verbürokratisierung der revolutionären Energie erleben zu müssen. Das war bei Rosa Luxemburg kaum anders als bei Rudi Dutschke oder Janis Joplin. Die deutsche Revolutionärin ist Kult, zu Recht finden viele, jedenfalls: verständlicherweise.

Nur, was hat das mit der PDS zu tun, außer dass sie eben aufruft zum Gedenken, und dass die Sehnsüchte, die sich mit Rosa Luxemburg verbinden, bei ihr besonders ausgeprägt sind? Vielleicht noch, dass die emotionale Kluft zwischen Luxemburgs Sozialismus und der grau gewordenen PDS noch nie so groß war wie in diesem Jahr.

Denn die Show ist vorbei. Ein von den Strategen geplanter Vorteil: Keiner sollte mehr sagen können, Gregor Gysi, das sei die eine, die unterhaltsame Seite, mit der zu leben sei. Aber seine Partei, vor der müsse man sich hüten. Mit der neuen Führung sollte die Ära PDS pur anbrechen, in der es den Abstand zwischen Gysi und seiner Partei nicht mehr gibt. Gabi Zimmer, die neue Vorsitzende, wollte Deutschland lieben - und die Menschen im Lande, nicht nur ihre Genossen, sollten Gabi Zimmer und ihre Partei lieben. Oder wenigstens respektieren.

Bald ist die neue Parteispitze der PDS 100 Tage im Amt. Und schon jetzt lässt sich sagen, dass die Partei pur kaum zu ertragen ist. Das klingt hart, und deswegen zitieren wir hier lieber aus der Begründung, mit der Lothar Bisky, der frühere Vorsitzende, dieser Tage den Vorsitz in der Programmkommission hingeworfen hat. Langsam ins Absurde abgeglitten sei die Diskussion über ein neues Grundsatzprogramm, sagte der Ex-Chef. Er sei nicht mehr bereit, sich dem semantischen Terror zu beugen.

Dieser Rückzug sollte wachrütteln. Er wird es nicht tun. Denn das würde die Einsicht der Genossen voraussetzen, dass über die Programmdebatte die öffentliche Wirkung der PDS zu bessern ist. Dass eben genau vor der Bundestagswahl 2002 klar wird, wohin diese Partei will. Und ob sie - Bisky hat das Bild gebraucht - bereit ist, der schönen Geliebten DDR die Jungfernschaft zu nehmen. Nach alldem aber sieht es nicht aus. In quälenden Auseinandersetzungen spielen die Ideologen und Bürokraten auf Zeit. Und sie gewinnen.

Führung wäre jetzt gefragt. Doch die neue Spitze hat das Karl-Liebknecht-Haus nicht im Griff. Illoyalitäten und Reibungsverluste prägen im PDS-Hauptquartier den Tagesablauf. Selbst Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch spricht vom Kalten Krieg um die Parteizentrale. Einen Machtkampf zwischen ihm und Chefin Zimmer bestreitet Bartsch. Aber jeder Satz von ihm lässt seine Überzeugung erkennen: Ich kann es besser.

So erleben die Reformer in der PDS staunend den Niedergang der Partei. Und die Vorfrau der Kommunistischen Plattform und Siegerin im Rosa-Luxemburg-Ähnlichkeits-Wettbewerb, Sahra Wagenknecht, avanciert zum gefragten TV-Gast - während Parteichefin Zimmer, wird sie überhaupt mal eingeladen, zum Zappen reizt.

Und der alte Showmaster? Gregor Gysi wird nicht zuschauen, wie die PDS jeden bundespolitischen Anspruch verwirkt und sich als Ost-Partei einigelt. Er wird dem Drängen seiner Parteifreunde nachgeben und in einem schwierigen Wahlkreis, Kreuzberg-Friedrichshain etwa, für den Bundestag kandidieren. Zusammen mit zwei Wahlbezirken im Nordosten Berlins, die der PDS traditionell ohne Ansicht des Kandidaten zukommen, bringt das der Partei drei Direktmandate - um damit die Präsenz im Parlament. Gysi wird dafür sorgen, dass sich die PDS wieder um ihre Krise herummogeln kann. Seine Partei hat sich noch lange nicht von ihm emanzipiert.

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