Meinung : Fromm zu sein bedarf es wenig …

… einen Krieg zu führen schon mehr: Bushs Glaube und seine Irak-Obsession

Malte Lehming

Wie erklärt sich seine Sturheit? Warum hört er nicht auf die Proteste? Was motiviert seinen „Kampf gegen das Böse"? Als George W. Bush am Donnerstag mit harten Worten die weltweite Angst nährte, ein Krieg gegen den Irak sei unausweichlich geworden, sprach er auch über seinen Glauben. „Ich bete täglich für Frieden", sagte der US-Präsident. „Ich bete täglich für Gottes Führung, für Weisheit und Kraft." So redet er oft. „Es gibt nur einen Grund, warum ich heute im Weißen Haus sitze und nicht an einer Bar", hatte Bush im vergangenen Herbst gebeichtet. „Weil ich zum Glauben gefunden habe. Ich habe Gott gefunden."

Jeder weiß: Bush war einst ein Hallodri, Trinker und Taugenichts, der kurz vor seinem 40. Geburtstag ein Erweckungserlebnis hatte. Seitdem ist er fromm und abstinent. Als Präsident nun scheint er von missionarischem Eifer getrieben zu sein. Er verdammt die „Achse des Böse", ruft zu einem „Kreuzzug" gegen den Terror auf. Von diesem manichäisch wirkenden Vokabular schließen viele Beobachter, besonders im säkularisierten Europa, auf die innersten Beweggründe für die Irak-Obsession von Bush. Sie werfen ihm religiösen Fundamentalismus vor.

Auf den ersten Blick scheint die These plausibel. Bush ist der frömmste US-Präsident seit Jimmy Carter. Amerika wiederum ist die frömmste aller Demokratien. Es gibt dort 200 christliche TV-Sender und 1500 christliche Radiostationen. Der „bible belt" wählt streng republikanisch. Die religiöse Rechte ist gut organisiert. Evangelikale Prediger wie Jerry Falwell und Pat Robertson wettern gegen Abtreibung und Homosexuelle. Viele Evangelikale, die so genannten „christlichen Zionisten", unterstützen ein Groß-Israel. Liegt in dieser Aneinanderreihung der Schlüssel zum Verständnis von Bush?

Bush selbst mag fromm sein und in einem frommen Land leben, aber seine Irak-Politik erklärt das nicht. Amerika ist keine Theokratie. Die Trennung von Staat und Kirche ist fest verankert. Als Bush Präsident wurde, war eines seiner Hauptprojekte die Unterstützung von „glaubensgestützten Initiativen". Dieses Projekt ist längst versandet. In seiner Stammzellen-Entscheidung hat er die Einwände der christlichen Rechten ignoriert. Gegen deren Widerstand gewährt er China den Status einer handelsbegünstigten Nation. Bush ist zwar fromm, aber seine Politik wird in erster Linie von handfesten Interessen bestimmt.

Das trifft auch auf seine Irak-Politik zu. Die „National Council of Churches", ein ökumenischer Kirchenrat, der mehr als 50 Millionen US-Christen vertritt, geißelt einen Irak-Krieg als unmoralisch. Der Papst, als Vertreter der größten amerikanischen Denomination, verurteilt jede Invasion. Auch die Evangelikalen sind zerstritten. Für den Bischof der „United Methodist Church", der sowohl Bush als auch Vizepräsident Dick Cheney angehören, „verstößt ein Irak-Krieg klar gegen die Lehren von Jesus Christus". Also nicht wegen, sondern trotz seines Glaubens geht Bush auf Konfrontationskurs mit Saddam Hussein. Und gar anzunehmen, dass die letzte verbliebene Supermacht 300 000 Soldaten mobilisiert, um die kruden israelfreundlichen Ideen einiger Südstaaten-Evangelikaler zu realisieren, ist eine verschwörungstheoretische Absurdität.

Es gibt gute Gründe, einen Irak-Krieg abzulehnen. Eine laienpsychologische Verdrewermannisierung der amerikanischen Motivlage allerdings führt in die Irre. Frömmigkeit an sich begründet noch keinen Verdacht.

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