Frühlingsanfang : Das war doch gar kein Winter!

Der Frühling ist da. Aber was vertreibt er denn? Unser Kolumnist Helmut Schümann findet nicht, dass wir einen richtigen Winter hinter uns haben.

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Frühlingssport. Hals über Kopf in den Frühling stürzen, hier im Volkspark Schöneberg.
Frühlingssport. Hals über Kopf in den Frühling stürzen, hier im Volkspark Schöneberg.Foto: dpa

Also, Leute, so schlimm war es doch gar nicht. Da war es doch in den vergangenen Jahren wesentlich übler. Es war länger dunkel. Es war länger kalt. Zeitweise war es sogar bitterkalt. Es war länger nass, es war eisig, dann war es matschig. Und dreckig. Schon vergessen, wie lange die Silvesterreste in der Vergangenheit auf den Straßen lagen, weil sie nicht geräumt werden konnten wegen Eis und Schnee? Schon all die Depressionen überwunden, die wir hatten, weil kein Licht aufging und unser Melatoninspiegel einfach nicht sinken wollte? All die Kopfschmerzen verdrängt, die wir hatten vom vielen Glühwein gegen dieses verdammte hohe Melatonin. War es nicht so, dass wir in diesen kalten Zeiten nicht mal mehr Melatonin sagen konnten, nur noch Mellaloin? Nicht mehr sehen konnten wir die dicken Klamotten, all die Mützen, Schals und Mäntel, die uns in diesem Winter gewiss und mit Recht eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Vermummungsverbot eingebracht hätten. Doch, doch, ich weiß das alles noch und denke mit Grausen an diese furchtbaren Tage, Wochen und Monate. Waren es nicht Jahre?

Das waren Winter, und was jetzt gerade zu Ende geht, gestern mit dem Frühling weggeschickt wurde, das war kein Winter. Dass der verscheucht worden ist, kann man ja nicht sagen, er war doch nicht einmal da.

Gut, einmal hat es mich auf Blitzeis auf den Hosenboden gehauen, aber das war nicht die Schuld des Winters, das war, weil es dem Esel zu gut ging, als er aufs Eis fuhr. Aber mal einen Schneeball geworfen? Null. Mal einen Schneemann gebaut? Null. Weiße Weihnacht, klirrendes Neujahr? Null. Nicht mal null Grad, oder höchstens ein paar Stunden.

Und doch tun die Leute, als sei das Schlimmste überstanden, was der Menschheit je wiederfahren ist. Jetzt stehen sie auf Dachterrassen und in Hinterhöfen, sagen „Ahh“ und „Endlich“ und „Herrlich“ und fantasieren im Winter-Wahn von einem kühlen Sauvignon Blanc oder einem Crémant d’Alsace, liegen dabei mit verdrehten Augen virtuell in irgendwelchen Hängematten zwischen Palmen in Ahungalla oder sonst wo, und andere dümpeln auf dem Segelboot über den Wannsee und schwärmen von der Kühlbox voller Büchsenbier. Alles gestern erlebt, diese Verklärung der überstandenen Zeit, dieses Aufatmen nach dem Überleben. Und zu hören auch schon die ersten Stimmen, mäkelnde Stimmen: „Mann, sticht die heute runter.“ Gut so. Ahh! Endlich! Herrlich!

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