Fünf Jahre Elbeflut : Von Gelassenheit und Hysterie Von Ingrid Müller

Die Bilder waren gewaltig. So gewaltig wie die Wassermassen, die vor fünf Jahren die Elbe und ihre Anwohner heimsuchten. Die Bilder, wie sich ganze Landschaften in mäandernde Flüsse verwandelten, wie Menschen auf der letzten Mauer ihres Hauses in den gurgelnden Fluten auf Hilfe warteten, haben sich ebenso ins kollektive Gedächtnis gefressen wie die ungeheure Hilfsbereitschaft. Und damit tiefe Gefühle. Einerseits das einer gewissen Ohnmacht – aber auch das Überwältigende der Gemeinsamkeit. Ein Meilenstein der Einheit. Da reisten wildfremde Menschen aus der Eifel an, um in Dresden Sandsäcke zu stapeln, die Menschen rückten im Angesicht der Katastrophe zusammen wie kaum zuvor. Ein Gefühl der Einheit, das es später im Glück noch einmal gab: zur Fußball-WM.

Und heute – ist die Katastrophe vergessen? Viel ist geredet worden, Pläne wurden gemacht, damit so ein Desaster nicht noch einmal geschehe. Es ist viel, sehr viel Geld geflossen. Manche Vorsorge wurde getroffen. Gerade sitzen wieder Minister zusammen, um Bilanz zu ziehen. Einige Schutzmaßnahmen aber werden nicht einmal genutzt, wie ausgewiesene Überflutungsgebiete im Süden Deutschlands. Bauern haben dort gepflanzt, mancherorts fürchten sie deren Schadenersatzforderungen.

Gerade stiegen sie wieder, die Pegel. Diesmal am Oberrhein. Zum Jahrestag werden da Erinnerungen wach. Aber es ist kein Vergleich zum Jahrhunderthochwasser 2002 – einer der schwersten Naturkatastrophen in Deutschland.

Brauchen wir also einfach mehr Gelassenheit? Sind die Deutschen zu hysterisch, wenn es um die Naturgewalten geht? Geben wir uns der Illusion hin, wir könnten die Natur beherrschen? Suchen wir deshalb in jedem Starkregen nach Art eines deutschen Klimatismus den großen Begründungszusammenhang, anstatt Gegebenes hinzunehmen?

Niemand wird wohl mehr glauben, der Mensch könne sich die Natur untertan machen – und was seit dem ersten Damm im 13.Jahrhundert an den Flüssen entstanden ist, lässt sich selbst mit Milliardenmaßnahmen nicht in wenigen Jahren zurückdrehen. Fatalismus jedoch wäre gefährlich. Denn, wenn die Forscher sich nicht völlig irren, werden wir es immer öfter mit großen Fluten zu tun haben. Wiegen wir uns nicht in falscher Sicherheit.

Also muss es heißen: Debattieren wir über das Risiko. Welches Risiko wollen wir tragen? Und: Wer soll für welchen Anteil geradestehen? Die Öffentlichkeit ist katastrophenmüde, aber wenn Schäden entstehen, wird Ausgleich gefordert. Wir alle wollen gerne im Café sitzen und aufs Wasser gucken, nicht auf eine Spundwand. Wir können Deiche nicht 50 Meter hoch bauen. Wir werden Städte nicht plötzlich verlegen. Aber: Eigentümer in Gefahrenzonen sollten per Versicherung vorsorgen – denn warum bitte sollte die Allgemeinheit jedes Mal zahlen? Der Lokalinhaber hat etwas von der Lage, solange seine Kunden im Trockenen sitzen. Hausbesitzern, die nicht umziehen können, dürfen Gemeinden vorschreiben, keine Ölheizung einzubauen. Erneuern müssen sie die ohnehin von Zeit zu Zeit, man kann sie dabei unterstützen.

Wir leben mit dem Risiko, aber wir können Schäden begrenzen. Prävention ist möglich. In Ruhe. Und gemeinsam. Niemand sollte sich darauf verlassen, dass die Welle der Hilfsbereitschaft noch einmal so gewaltig wäre.

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