Meinung : Für den eigenen Terror werben

Al Qaida bombt gegen Israelis, weil das bei vielen Muslimen besser ankommt

Clemens Wergin

Auch Bomben sind Botschaften. Die, die im Hotel „Paradise“ in Mombasa mindestens 15 Menschen das Leben kostete, ist, wenn man so will, eine redselige Bombe. Sie berichtet zunächst davon, dass Al Qaida sich wieder in der Offensive befindet. Denn auch, wenn sich jetzt eine bisher unbekannte „Armee für Palästina“ zum Anschlag bekennt, deutet die Professionalität doch auf Verbindungen zu Al Qaida hin. Nach Djerba und Bali ist das jetzt das dritte große Attentat nach dem 11. September. Die Terroristen haben sich offenbar vom Schlag gegen ihre Basis in Afghanistan erholt. Dass in Kenia nicht mehr Menschen ermordet wurden, ist Zufall. Hätten auch die Raketen getroffen, die auf ein israelisches Flugzeug abgeschossen wurden, wären über 260 Tote mehr zu beklagen. Ein noch schlimmerer Alptraum.

Das Attentat zeigt zudem, dass die Terroristen im Moment lieber in der globalen Peripherie zuschlagen. Dort, wo ein schwacher Staat nicht dasselbe Maß an Sicherheit garantieren kann wie in westlichen Ländern. Deutlich wird aber auch, wie gut vernetzt Al Qaida immer noch ist. Tunesien, Indonesien, Kenia – so unterschiedlich diese Länder auch sind, Al Qaida gelingt es, dort Unterstützer zu rekrutieren und Waffen ins Land zu schmuggeln. Und der Anschlag legt offen, dass die westliche Zivilisation in der ganzen Welt verwundbar ist. Wieder einmal verkündet Osama bin Laden: Ihr seid nirgendwo sicher.

Eine andere, etwas verstecktere Botschaft geht aber auch von Mombasa aus. Sie ist gerichtet an die muslimische Welt und kündigt möglicherweise eine neue Strategie Al Qaidas an. Es ist der Kampf um die muslimische, genauer: die arabische Seele.

Viele Muslime teilen die Kritik bin Ladens am Westen und das Unbehagen über das, was als politische, wirtschaftliche und kulturelle Herrschaft über den Rest der Welt verstanden wird. Nur die Mittel der Terrororganisation sind bisher nicht mehrheitsfähig in der muslimischen Welt. Spätestens seit den Anschlägen auf Touristen im ägyptischen Luxor 1997 haben die radikalen, gewaltbereiten Fundamentalisten enorm an Sympathien eingebüßt. Und auch, wenn Osama bin Laden bei manchen einen gewissen Heldenstatus genießt als einer, der es „denen im Westen“ mal gezeigt hat, so ist doch den meisten Muslimen das nihilistische, bloß zerstörerische Projekt bin Ladens suspekt.

Der Top-Terrorist hat das erkannt – und versucht, PR in eigener Sache zu machen. Ein erster Schritt war sein Brief an Amerika, der eigentlich ein Brief an die Araber war. Hier hat er das erste Mal eine Art politischer Theorie seines Kampfes gegen die USA geliefert, in Begriffen, die nicht wie früher bloß apokalyptisch gefärbt sind, sondern sich den in der arabischen Welt üblichen amerikakritischen Diskursen anpassen. Der zweite Schritt ist jetzt Mombasa.

Indem er Israelis ins Visier nimmt, kann bin Laden sich des Beifalls vieler Araber sicher sein. „Märtyrer“ ist in den Medien längst zum etablierten Begriff für palästinensische Selbstmordattentäter geworden. Anschläge gegen israelische Zivilisten werden weitgehend als legitimes Mittel im Befreiungskampf gesehen. Das macht sich bin Laden jetzt zu Nutze, indem er Israel faktisch und nicht bloß verbal den Krieg erklärt. Es wird den arabischen Regimen und den Medien nicht leicht fallen, in der allgemeinen Anti-Israel-Hysterie diese Anschläge genauso eindeutig zu verurteilen wie etwa den in Bali.

Das ist also die eigentlich neue Botschaft der Bomben von Mombasa: Bin Laden will jetzt auch im Kampf gegen Israel mitmischen. Und sich so Sympathien in der arabisch-muslimischen Welt zurückholen.

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