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Meinung : Für die Freiheit Contra

16.07.2013 00:00 Uhrvon

Zwang sollte in einer offenen Gesellschaft nur das letzte Mittel sein.

Die Kritik am Impfen ist so alt wie das Impfen selbst. Als Edward Jenner 1796 seine ersten Pockenimpfungen mit Eiter aus (harmlosen) Kuhpockenpusteln vornahm, war die Empörung groß. Der Klerus warf ihm Gottlosigkeit vor, in einer satirischen Darstellung wuchsen den Geimpften Rinderköpfe. Aber Jenner ließ sich nicht beirren. Trotz einer zeitweise mächtigen Impfgegner-Bewegung gelang es, die Pocken zurückzudrängen und schließlich auszurotten.

Der Triumph des englischen Doktors war ein Sieg der Wissenschaft über den Aberglauben, wie er deutlicher nicht hätte ausfallen können. Seitdem sind viele gefährliche Infektionskrankheiten mit Impfungen bekämpft und Millionen Menschenleben gerettet worden.

Das Prinzip Impfung ist so überzeugend, dass es inzwischen sogar bei Krankheiten wie Krebs erprobt wird. Dennoch, bis heute werden Impfgegner nicht müde, gegen Jenners Erben zu Felde zu ziehen. Der Kampf geht weiter. Wie die hierzulande heftig aufflackernden Masernepidemien zeigen, ist er noch längst nicht gewonnen.

Der Grund für die Rückkehr der oftmals gar nicht so harmlosen „Kinderkrankheit“ Masern ist dabei häufig nicht einmal Ablehnung – überzeugte Impfgegner machen nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung aus –, sondern schlicht Vergesslichkeit und Gleichgültigkeit. Die zweite Impfung des Kindes wird versäumt, denn Masern sind scheinbar keine Gefahr mehr. Die Impfung wird Opfer ihres Erfolgs. Das ursprünglich für 2015 anvisierte Ziel, die Masern in Deutschland auszurotten, rückt immer mehr in die Ferne. Und es ist verständlich, dass angesichts der jüngsten Ausbrüche der Ruf nach einer Impfpflicht lauter wird. Aber Zwang sollte in einer liberalen, offenen Gesellschaft nur das letzte Mittel sein. Vorrang sollte ein geschärftes öffentliches Bewusstsein für den gesundheitlichen Nutzen des Impfens haben – und damit die Aufklärung der Bevölkerung.

Zudem würde ein Impfzwang den Gegnern Rückenwind geben. Mit dem Argument: Seht her, der Staat hat keine Argumente für das Impfen, deshalb muss er Gewalt einsetzen. Dabei sprechen die Erfolge eigentlich für sich, und die meisten Deutschen erkennen das längst an. Sie sind durchaus keine Impfmuffel. In fast allen Bundesländern haben mehr als 90 Prozent der Kinder die zweite Masern-Impfdosis bekommen.

Allerdings gibt es Problemzonen, neben Berlin vor allem Süddeutschland. Es sind Regionen, in denen es in einem durchaus wohlhabenden, grün angehauchten Milieu schick ist, auf die Schulmedizin zu schimpfen und sich der Impfung der Kinder zu verweigern.

Und es war es wohl kein Zufall, dass ein Masernausbruch eine Waldorfschule bei Köln lahmlegte. In der esoterisch angehauchten anthroposophischen Lehre haben Impfungen keinen rechten Platz, dementsprechend gering ist der Schutz an Waldorfschulen. Dabei ist eine Impfung eigentlich echt „bio“, regt sie doch den Körper dazu an, seine eigenen Immunkräfte zu aktivieren. Gut situiert ist eben nicht gut informiert. Da hilft auch kein Zwang.

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