Meinung : Für mich ist es immer noch …

Hermann Rudolph

… die Reichskristallnacht.“

Ein bisschen sieht er aus wie der Mann, der fragt: Wo steht denn das Klavier? Allerdings packt Albert Meyer an diesem Abend nur ein Wort an, aber das ist ebenfalls ein sperriger Brocken. Es heißt „Reichskristallnacht“ und ist von allen, die sich für aufgeklärt halten, seit Jahren zu Gunsten des Begriffes „Novemberpogrom“ aus dem deutschen Sprachschatz verbannt worden. Denn es steht in dem Verruf, die Ereignisse des 9. Novembers 1938 zu verharmlosen und überdies von den Nazis selbst eingeführt worden zu sein. Am Dienstagabend, bei der traditionellen Gedenkstunde zur 66. Wiederkehr dieses Tages, erklärt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: Für ihn trage der Tag immer noch den verpönten Namen.

Verstößt Albert Meyer an diesem wichtigsten Erinnerungstag für das Schicksal der deutschen Juden gegen die Political Correctness, um seinem Ruf Ehre zu machen, er sei ein Freund unkonventionellen Verhaltens? Aber er hat sich auch ziemlich viel dabei gedacht. Er findet, die Rede vom Pogrom werde dem 9.November 1938 nicht gerecht. Pogrome gab es viele. Dieser Tag sei singulär gewesen, weil er einen ganzen Bevölkerungsteil aus dem deutschen Leben ausstieß, zu dem sie gehörten. Hier, so Meyer, „wurden Schwellen überschritten, die die späteren Untaten möglich machten“. Keine Gleichstellung mit anderen Greuelakten: Es war „der Testlauf des mörderischen deutschen Nationalsozialismus“.

Das ist ein neuer Ton im Gemeindehaus an der Fasanenstraße. Meyer hat seine eigene Legitimation dafür: Sein Vater Erich hat damals die Scherben des von dessen Vater begründeten Kaufhauses in der Frankfurter Allee aufkehren müssen, vom Mob auf die Knie gezwungen. Aber Erich Meyer ist in Berlin geblieben, nachdem er das „Dritte Reich“ im Untergrund überlebt hatte. Sein Sohn steht bewusst in den Spuren dieser Kontinuität. Der freimütige Umgang mit dem hochsymbolischen Begriff zeigt auch eine neue Generation, eine veränderte Haltung an der Spitze der jüdischen Gemeinde an.

Albert Meyer verkörpert sie eindrücklich, gerade gegenüber seinen Vorgängern, die – exemplarisch etwa in der Gestalt Heinz Galinskis – noch vom Überleben des Holocausts gezeichnet waren. 1947 geboren, in der Schweiz und Großbritannien ausgebildet, Jurastudium, seit zehn Jahren Anwalt mit eigener Kanzlei: Meyer muss seine Stellung in der deutschen Gesellschaft nicht hervorkehren, weil niemand sie bezweifeln könnte. So wenig wie sein Berlinertum. Es ist wahr, das Judentum, das so viel zum Ruhme dieser Stadt beigetragen hat, ist vertrieben worden. Albert Meyer steht dafür, dass es neue Zweige treibt.

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