Meinung : Fürs Leben lernen Von Gerd Appenzeller

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Wenn sich nach einem gescheiterten Volksentscheid außer den enttäuschten Initiatoren und ihren Sympathisanten alle mehr oder minder zufrieden zeigen, war das Thema der Befragung besonders bizarr – oder es ist etwas faul. In SachsenAnhalt wollte eine Bürgerinitiative erreichen, dass eine ganztätige Betreuung auch für Kinder gewährleistet wird, deren Eltern nicht beide arbeiten. 60,5 Prozent der sich an der Abstimmung beteiligenden Bürger waren dafür. Aber da die Wahlbeteiligung viel zu gering war, scheiterten die Betreiber des Volksbegehrens dennoch. Nun ist die Landesregierung froh, weil sie nicht mehr Geld zur Verfügung stellen muss, und Kirchen und Wohlfahrtsverbände sehen die Familien gestärkt. Wenn Vater oder Mutter keine Arbeit haben, können sie sich ja wohl wenigstens einen halben Tag ums Kind kümmern, nicht wahr?

Nein, es ist nicht wahr. Auch wenn Traditionalisten es bezweifeln: Fast alle Kinder fühlen sich unter Kindern wohler als in Gesellschaft Erwachsener, auch wenn es die eigenen Eltern sind. Alle Bildungsstudien der vergangenen Jahre zeigen uns, dass man für die Lebenschancen von Drei- und Vierjährigen nichts besseres tun kann, als ihre Neugier und ihre Lernfähigkeit in Gruppen spielerisch anzuregen. Dass diese Möglichkeiten nun ausgerechnet Mädchen und Jungen vorenthalten werden sollen, die durch die erzwungene Arbeitslosigkeit eines Elternteils ohnehin schon mit bestraft werden, ist absurd. Sachsen-Anhalt mag insgesamt bei der Kinderbetreuung zu den vorbildlichen Ländern gehören. Aber hier wird an der falschen Stelle gespart. Und ein Votum für Volksbegehren insgesamt ist es auch nicht, wenn die Wähler bei einem so wichtigen Thema einfach lustlos zu Hause bleiben.

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