Meinung : Furchtbare Moralisten

Die Debatte um Oettingers Rede ist hysterisch

Alexander Gauland

Die einzig angemessene Reaktion auf das große Filbinger- und Oettinger-Bashing kam von dem früheren Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, der die Auseinandersetzungen um eine missglückte Totenrede „maßlos übertrieben“ fand.

Verfolgt man, was in den letzten Tagen zu diesem Thema gesagt und geschrieben wurde, schien die Republik in ihren Grundfesten zu wanken. Dabei hatte Oettinger nicht erklärt, dass die Urteile des Marinerichters Filbinger alle gut und richtig gewesen seien, er hatte den Mann nur einen „Gegner des Nationalsozialismus“ genannt.

Das war leichtsinnig, da es durch Taten Filbingers nicht belegt werden kann und das Tun der aktiven Gegner und Widerständler nachträglich schmälert. Immerhin kann sich Oettingers Einschätzung auf den Bruder Stauffenbergs berufen, der Filbinger für einen solchen Gegner hielt. Die Mitgliedschaft in der NSDAP besagt da eher wenig, da die meisten derer, die später Hitlers Herrschaft aktiv bekämpften, zu Beginn hinter seinen Fahnen marschierten – der Attentäter Stauffenberg tatsächlich im Januar 1933 in Bamberg. Doch gerade das hat Filbinger nicht getan. Aber auch wenn Oettinger sich schrecklich geirrt hätte, rechtfertigt dieser Irrtum nicht die zum Teil hysterischen Reaktionen. Im Gegenteil, größere Gelassenheit würde von größerer innerer Stärke zeugen.

Es ist ja gut und richtig, dass die deutschen Eliten das „Nie wieder!“ so verinnerlicht haben, dass auch eher Unglückliches als Unbelehrbares wie bei Martin Hohmann harsche Reaktionen auslöst. Nur brechen solche Reaktionen eben Diskussionen ab, statt sie zu befördern. Und sie fördern eher politische Korrektheit als nachhaltige Aufklärung.

Der Marinerichter Hans Filbinger hat bis zuletzt Urteile gefällt, die der Aufrechterhaltung der Disziplin dienten und die in jeder anderen Armee der Welt ebenfalls gefällt worden wären, was ihm die uneinsichtige Formulierung eingab, dass heute nicht Unrecht sein könne, was damals Recht war. Die Antwort darauf hat einmal Norbert Blüm mit dem Satz gegeben, dass die Vernichtungslager arbeiteten, solange die Front hielt – das Erhalten von Disziplin und Front unter diesen Bedingungen also ein problematisches Ziel war.

Die Einsicht, dass Hitler alles und jedes, auch das bis dahin Normale und Übliche, pervertiert hat, ist den Deutschen schwergefallen und Filbinger offenbar ganz besonders. Doch darüber müsste man 60 Jahre danach in Ruhe reden können, denn Geschichte wiederholt sich nicht, und diese schon gar nicht. Hitler war nicht die logische Konsequenz deutscher Fehlentwicklungen, sondern ein furchtbarer welthistorischer Unfall. Mit den Worten Golo Manns: „Geschichtsschreiber tun Hitler viel zu viel Ehre an, die uns glauben machen wollen, es habe Deutschland seit 100 Jahren nichts anderes getrieben, als sich auf das unvermeidliche Ende, den Nationalsozialismus, vorzubereiten.“

Oettingers unbarmherzige Kritiker sehen das offenbar immer noch anders.

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