Fußball ohne Fans : Die falsche Karte

Die betroffenen Vereine haben die vom DFB-Sportgericht in jüngster Zeit verhängten Sanktionen überwiegend erleichtert angenommen. Aber die Beschlüsse offenbaren nicht nur die hilflose Willkür von Funktionären mit Dauerkarte für die VIP-Sänfte; sie sind zugleich der schäbige Versuch, die Verantwortung für das eigene Versagen auf zehntausende friedliche Zuschauer abzuwälzen.

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Die Welt des Fußballs ist voll von dummen Sprüchen. Spieler, Zuschauer, Trainer, Reporter – alle machen mit. Ach ja, und die Funktionäre. Freitag versammelte der Deutsche Fußball-Bund seine Abgeordneten in Frankfurt am Main zum sogenannten Bundestag, auf der Tagesordnung: die „Neuordnung des Schiedsrichterwesens“. Dieses Wesen war lange in der Hand von Leuten, die Bundeskanzler Herberger noch erlebt haben und die an dessen Wahlsprüche glauben, also der Ball ist rund, das Spiel dauert neunzig Minuten, elf Freunde sollt ihr sein. Seit einiger Zeit aber ist Unordnung unter den Schiedsrichtern, vor dem einen Spiel wird bestochen, nach dem anderen gefummelt, und was zwischendrin passiert, ist auch nicht immer hohe Flötenkunst.

Die Unordnung des Schiedsrichterwesens hat ein wenig abgelenkt von der Unordnung auf den Zuschauerrängen, mit der sich die Funktionäre der Deutschen Fußball-Liga herumzuschlagen haben. Vielleicht war es auch umgekehrt, was die Ablenkung betrifft. Jedenfalls geben sich Spieler, Zuschauer, Trainer und Reporter viel zu schnell zufrieden mit den Sprüchen der Funktionäre in diesen unschönen Angelegenheiten.

Am heutigen Spieltag dürfen dreißigtausend Fans von Hertha BSC nicht zum Spiel gegen Stuttgart ins Olympiastadion kommen, weil nach der Niederlage gegen Nürnberg vor vier Wochen ein paar Dutzend Berliner Zuschauer aufs Feld gelaufen waren und dort randaliert hatten. In Hoffenheim darf heute kein einziger Kölner Fan ins Stadion, weil bei vorherigen Auswärtsspielen einige FC-Anhänger rote Bengalos in ihrem Block gezündet hatten. Fans von Nürnberg können wegen ähnlicher Vorfälle keine Stehplatzkarten für die Auswärtsspiele in Freiburg und Hamburg kaufen; nächste Woche dürfen keine Zuschauer aus Dresden in Unterhaching dabei sein, wenn ihre Mannschaft dort spielt.

Die betroffenen Vereine haben die Strafen, die sie zugleich viel Geld kosten, überwiegend erleichtert angenommen. Sie hatten mit Schlimmerem gerechnet: mit einem Geisterspiel, also einer Partie ganz ohne Zuschauer. Auch in der Öffentlichkeit wurden die teils erheblichen Einschränkungen zumeist wohlwollend hingenommen, als vermeintlich geistvolles Vorgehen gegen gefährliche Vergehen.

Aber die Beschlüsse offenbaren nicht nur die hilflose Willkür von Funktionären mit Dauerkarte für die VIP-Sänfte; sie sind zugleich der schäbige Versuch, die Verantwortung für das eigene Versagen und das der Vereine sowie der Polizei abzuwälzen auf zehntausende friedliche Zuschauer, die damit in Gruppenhaftung genommen werden, ganz so, als bildeten sie eine kriminelle Vereinigung mit wilden Ultras, weil sie wie diese denselben Verein anfeuern. Was sonst hat ein Opa mit Dauerkarte drei Blöcke weiter zu tun mit dem Enkel von irgendwem, der unten aufs Spielfeld rennt? Soll er selbst über den Zaun klettern und sich vor den Graben werfen? Soll der Familienvater mit Filius an der Hand die Bengalos austreten, wenn das weder ein Ordner noch ein Polizist machen will? Da könnte auch gleich verfügt werden, den Neuköllnern die Teilnahme an der nächsten Wahl zu verwehren, weil auf der Sonnenallee öfter zugestochen wird als auf der Königsallee.

Der Liga ist das egal, ebenso, dass Stuttgart in Berlin einen unverhofften Zuschauervorteil für nichts bekommt und Hoffenheim gegen Köln. Wessen Wahrnehmung verzerrt ist, der hat wohl auch nichts gegen die Verzerrung des Wettbewerbs. Fünf Wochen wird der HSV-Stürmer Paolo Guerrero für seinen Flaschenwurf auf einen Zuschauer gesperrt; umgekehrt hätte es ein paar Jahre Stadionverbot gegeben. Keine Sperre bekommt Nürnbergs Torwart Raphael Schäfer für seine obszönen Gesten, die den Berliner Rasensturm mit ausgelöst hatten. Die Funktionäre aber sonnen sich im Schein ihres Aktionismus, der viele wütend macht und einen Flächenbrand auslösen kann.

Die Abgeordneten des Fußballbundes haben unterdessen eine Reform des Schiedsrichterwesens beschlossen. Alles soll besser werden. Nach neunzig Minuten war der Bundestag vorbei, ohne Nachspielzeit, wie früher. Die Plätze im Stadion sind schon reserviert.

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