Meinung : Fußball-Streit: Grauzone und Abseits

Robert Ide

Beim Fußball geht es oft um Kleinigkeiten. Die Fans bewegen Fragen wie: Steht der Angreifer einen Millimeter im Abseits oder nicht? Prallt der Ball vom Außenpfosten ins Aus oder springt er vom Innenpfosten ins Tor? Im aktuellen Streit um die Fernsehrechte der Fußball-Bundesliga ist es ähnlich. Beim Duell zwischen Medienunternehmer Leo Kirch und der ARD wird um Kleinigkeiten gefeilscht. Die ARD möchte gerne drei Spitzenspiele der Bundesliga in der "Tagesschau" zeigen, sonnabends um 20 Uhr. Kirch, der für viel Geld die Übertragungsrechte erworben hat, möchte dem öffentlich-rechtlichen Sender nur zwei Spiele zugestehen, eines davon soll die ARD schon fünf Tage vorher auswählen. Inzwischen liegt der Streit bei Gericht. Denn beide Seiten haben die 90 Sekunden Sendezeit in der "Tagesschau" - um mehr geht es nicht - zur Grundsatzfrage erhoben. Und das zu Recht.

Zum Thema Online-Umfrage: Gucken Sie Bundesliga zukünftig lieber auf Premiere? Es geht um Grundsätzliches. Auf der einen Seite steht die Pressefreiheit, also das Recht der Medien, von öffentlichen Veranstaltungen zu berichten. Und danach auszuwählen, welche Nachrichten wichtig sind. Für dieses Recht kämpft die ARD. Sie beruft sich dabei auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das 1998 Kurzberichte von allgemein interessierenden Ereignissen erlaubte. Im Rundfunkstaatsvertrag steht das auch.

Kirch beruft sich dagegen auf Verträge, die er mit dem Veranstalter der Spiele geschlossen hat. Der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat er drei Milliarden Mark für die Senderechte bis 2003 gezahlt. Dieses Geld will Kirch wieder reinholen mit seinem Bezahlsender "Premiere World", der alle Spiele sonnabends ab 15 Uhr 30 überträgt. Dazu braucht er Abonnenten - und dafür Exklusivität. Zu diesem Zweck wurde die Sat 1-Fußballshow "ran" auf 20 Uhr 15 verlegt. Doch was nutzt das, wenn die "Tagesschau" das Wichtigste schon vorher zeigt? Wie viel ist dann ein exklusives Rechtepaket wert? Kirch beklagt einen Eingriff in den freien Markt. Ihm drohen Verluste - und damit auch der von den Fernsehgeldern abhängigen Bundesliga. Das will doch niemand, oder?

Nun wird die Grundsatzfrage endlich ausgefochten - vor Gericht. In der ersten Instanz, dem Münchner Landgericht, hat die ARD verloren. Doch Intendant Fritz Pleitgen hat angekündigt, notfalls durch alle Instanzen zu gehen. Er ist sich sicher: "Wenn wir vor dem Bundesverfassungsgericht gewinnen, sieht die Rechtewelt ganz anders aus als heute." Der Jubel der Fußballfans, die immer lauter gegen die Kommerzialisierung des Volkssports protestieren, ist ihm sicher. Und der Beifall der Polizeigewerkschaft auch. Die fragt sich inzwischen, ob auf Kosten des Steuerzahlers die Stadien gesichert werden sollen, wenn die Bilder von den Spielen privat vermarktet werden. Hier steckt genau die Grundsatzfrage, das Dilemma der Bundesliga.

Doch hat die ARD den Mut, bis zum Schlusspfiff zu kämpfen? Zweifel sind angebracht. Denn wenn das höchste deutsche Gericht Kurzberichte erlaubt, warum sollen nicht auch andere Sender mit Kameras in die Stadien einrücken? Der Nachrichtensender "n-tv" hat das schon angekündigt. Außerdem werden die Rechte 2003 wieder neu vergeben - ob sich die ARD vorher mit dem Ligaverband zerstreiten will, ist fraglich. Selbst Kirch schlägt inzwischen leisere Töne an. Nach dem Quotendebakel der ersten "ran"-Sendung bei Sat 1 - nur 2,2 Millionen Menschen schalteten am vergangenen Sonnabend ein - ist auch ihm ein Kompromiss lieber. In der übernächsten Woche soll es ein Spitzengespräch zwischen ARD und Kirch Media geben, der Ligaverband will vermitteln. Alle bemühen sich um eine außergerichtliche Lösung. Doch ein Kompromiss wäre ein faules Unentschieden. Dann würde die Bundesliga einfach weiter spielen - in der Grauzone zwischen Privatem und Öffentlichkeit.

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