G-20-Gipfel : Antizyklische Gefühle zur Wirtschaftslage

Erfolg produziert Missgunst. Kein Wunder, dass die Opposition und Teile des befreundeten Auslands mit den Zähnen knirschen. Deutschland geht es gut – das mag kaum einer, selbst im eigenen Land.

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Die 400-Meter-Disziplin liegt den Amerikanern. Bei den Olympischen Spielen haben sie darin 19 Mal Gold geholt, seit 1984 stehen sie ununterbrochen auf der Siegertreppe. Das wurmt die Konkurrenz. Deshalb wird nun überlegt, einen Antrag beim IOC einzureichen: Künftig sollen die US-Amerikaner beim 400-Meter-Lauf einen fünf Kilogramm schweren Rucksack tragen müssen. Das würde die Wettbewerbsverzerrung ausgleichen.

So ähnlich argumentiert die US-Regierung, wenn sie über die deutsche Wirtschaft redet. Deutsche Produkte sind begehrt in aller Welt. Das kurbelt das Wachstum an. Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosigkeit auf immer neue Rekordstände, die Staatsverschuldung ist im OECD- und EU-Vergleich niedrig, der Dax im Aufwind. Doch anstatt sich über den Erfolg des europäischen Partners zu freuen, schlägt US-Finanzminister Timothy Geithner vor, Exportüberschüsse zu begrenzen, sprich: ab einer Obergrenze zu verbieten. Flankiert wird er von Stimmen aus Brüssel und der deutschen Linkspartei. Eine seltsame Koalition von Freihandelsgegnern findet sich da zusammen. Ihr Kitt ist der Neid.

Vor dem G-20-Gipfel in Seoul hatte US-Präsident Barack Obama die Forderung seines Finanzministers übernommen. Zum Glück hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Druck aus Washington stand. Schließlich befindet sie sich in einer guten Position: Sie wird für das kritisiert, was Deutschland offenkundig richtig macht.

Während die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsdaten in Ländern wie den USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Griechenland schlecht bleiben und notwendige, aber drastische Sparprogramme die Menschen auf die Straße treiben, hat Deutschland die Finanz- und Wirtschaftskrise gut gemeistert. Von Spaltung der Gesellschaft keine Spur. Da kam vieles zusammen: die Spätwirkung von Gerhard Schröders „Agenda 2010“, Lohnzurückhaltung, Abwrackprämie, relativ moderate Konjunkturprogramme, Rettung des Euro mit Einbindung des IWF. Mehr als einmal wurde Merkel für mehr als eine dieser Maßnahmen kritisiert. Am Ende behielt sie stets recht.

Erfolg produziert Missgunst. Kein Wunder, dass die Opposition und Teile des befreundeten Auslands mit den Zähnen knirschen. Denn ihre Politik gerät durch das deutsche Beispiel in Erklärungsnot. Doch warum sind die Deutschen selbst kaum Stolz auf das Erreichte, das sie ja auch selbst mit produziert haben? Just zu der Zeit, in der ihr Land dem Strudel der Krise entkommen ist – und auf dem Arbeitsmarkt heute sogar weit besser dasteht als vor der Krise –, wird über neuen Politikverdruss, die Krise der Demokratie, tiefe gesellschaftliche Unsicherheiten und andere vermeintliche Zeitgeistphänomene diskutiert.

Die Gefühlslage ist antizyklisch. Aber auch das kennt man. Jahr für Jahr etwa steigt die Lebenserwartung, und mit ihr die Angst vor Chemikalien in Lebensmitteln, die Sorge um eine gesunde Ernährung und um die Fitness. Entspannt und zufrieden – das sind wir nun mal am allerungernsten.

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