Meinung : G-8-Gipfel: Ein Amerikaner in Genua

Malte Lehming

Das Phänomen hat Tradition. Über einen frisch gewählten amerikanischen Präsidenten sind viele Europäer zunächst fassungslos, manche gar entsetzt. Warum muss es immer ein Amateur sein, der die Geschicke dieses mächtigen Landes lenkt? Das war bei Jimmy Carter, Erdnussfarmer aus Georgia, nicht anders als bei Ronald Reagan, Ex-Schauspieler aus Kalifornien, oder beim Gouverneur des kleinen, armen Bundesstaates Arkansas, Bill Clinton. Jetzt treffen die Schmähungen George W. Bush, das Vatersöhnchen aus Texas. Im Ölgeschäft hat er versagt, übt erst sechs Jahre lang den Politiker und hat noch nie Paris oder Berlin gesehen. An Bush entzündet sich die Kritik.

Was die Europäer dabei übersehen: Bush steht nicht alleine, er verkörpert ein Stück Amerika. Der 43. US-Präsident repräsentiert eine gewichtige Stimmung in seinem Land. Isoliert ist er mit seiner Außenpolitik jedenfalls nicht. Kein einziger namhafter amerikanischer Oppositionspolitiker fordert etwa die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls - nicht einmal der ehemalige Vizepräsident Al Gore, der den Vertrag mit ausgehandelt hatte. Kein einziger namhafter amerikanischer Oppositionspolitiker sagt, der Aufbau eines Raketenabwehrschirms sei grundsätzlich falsch. Kein einziger namhafter amerikanischer Oppositionspolitiker profiliert sich gegen Bush, wenn es um Themen wie den Atomteststopp oder den Internationalen Strafgerichtshof geht. Natürlich wirft man dem kleinen Texaner auch in den USA diverse Ungeschicklichkeiten vor, aber solche Einwände berühren die Art seiner Außenpolitik, ihre Verkaufe, nicht ihre Substanz.

Woran liegt das? Warum äußern sich die meisten Amerikaner eher skeptisch bis ablehnend, wenn sie nach ihrer Meinung zur Übernahme internationaler Verpflichtungen gefragt werden? Ein Schlüssel zum Verständnis ist die in Europa und Amerika fundamental verschiedene Einstellung zum Staat. Amerikaner sind im Prinzip antistaatlich eingestellt. Dort ist der Begriff "Washington" ebenso negativ besetzt wie das Wort "Brüssel" in einigen Gegenden Europas. Er wird mit Inkompetenz, Bürokratie, Machtverliebtheit und Korruption gleichgesetzt. Bush ließ schon im Wahlkampf keine Gelegenheit aus, um auf "die Kerle da in Washington" zu schimpfen. Damit traf er einen Nerv. Bis heute schimpft Bush auf Washington.

Amerika wurde von Einwanderern gegründet. Das sind Menschen, die unter der Regierung ihres Herkunftslandes entweder nicht mehr leben wollten oder konnten. Aufgrund dieser Erfahrung haben sie den Wert der persönlichen Freiheit für heilig erklärt. In mein Leben hat mir niemand hineinzureden: Das ist einer der stärksten amerikanischen Impulse. Deshalb darf man in den Vereinigten Staaten den Holocaust leugnen, Waffen besitzen, die Umwelt verschmutzen und Verbrecher töten. Ja, selbst die Todesstrafe wird schließlich nicht vom Staat verhängt, sondern vom Volk. Geschworene sprechen das Urteil, der Richter ist lediglich Moderator.

Nun wird die Verachtung, die der Amerikaner dem eigenen Staat entgegenbringt, noch gesteigert, wenn es um internationale Verträge geht, also um Gesetze, die viele Staaten beschlossen haben. Überspitzt formuliert fragt der gemeine Amerikaner: Warum soll ich mir von China, Nordkorea, dem Sudan und Irak vorschreiben lassen, wie viel Benzin mein Auto verbrauchen darf? Warum soll das schwache Russland entscheiden dürfen, vor welcher Art von Bedrohung sich mein Land mit Hilfe eines Raketenschirms schützen will? So denkt es in vielen. Bush spricht es bloß aus. Die Kritik in Europa konzentriert sich auf ihn. Damit freilich machen es sich die Europäer zu einfach.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben