G8 und G9 : Für das Gymnasium braucht man keine neun Jahre

Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium liegt im Trend. Doch fangen Kinder mit der gewonnenen Zeit wirklich etwas sinnvolles ein? Am Ende ist niemandem damit geholfen.

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Schüler nehmen an einer Demonstration gegen die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur teil. Foto: picture alliance / dpa
Erfolgreicher Protest. Seit Jahren gehen Eltern, Schüler und Lehrer vielerorts gegen das Turbo-Abitur auf die Straße.Foto: picture alliance / dpa

Neun Jahre sollen Kinder künftig wieder aufs Abitur lernen dürfen, statt acht wie jetzt. Niedersachsen fängt damit an, andere Länder ziehen wohl nach. Die Schüler müssten sich beim achtjährigen Gymnasium zu sehr anstrengen, wird argumentiert. Das bekomme ihnen nicht, manche sind schlaflos, leiden unter Erschöpfungszuständen. Auf den ersten Blick ist G9 also eine menschenfreundliche Haltung. Auf den zweiten ist es eine Fehlentscheidung.

Schüler, die in acht Jahren Gymnasium abiturreif sind, schneiden in den meisten Bundesländern nicht schlechter ab als diejenigen, die neun Jahre benötigen. In Sachsen und Thüringen wird der Gymnasialstoff in acht Jahren bewältigt. Beide Länder rangieren an der Spitze der innerdeutschen Bildungsvergleiche. Viele Schüler treiben trotz G8 Sport, lernen ein Instrument, engagieren sich ehrenamtlich. In Umfragen sagen sie, sie hätten schon Stress. Aber das sagen die G9-ler auch. Man könnte also auch sagen: Geht doch, die Sache ist ein Erfolg. Klar, es gibt Dinge, an denen gearbeitet werden muss: Dazu gehören der Umfang des Lernstoffs, die Organisation des Schulbetriebs, und vernünftige Lösungen für Schüler, die mehr Zeit brauchen.


Die Abiturienten seien aber jetzt erschreckend unreif, klagen die Arbeitgeber. Minderjährige Kinder säßen vor ihnen, meckern die Universitäten. Na und? Vorher haben sie sich beschwert, dass die angehenden Studenten zu alt, die Volljährigen zu selbstbewusst und die Abiturienten Faulenzer seien. Einen Tod muss man sterben.

Die meisten Eltern fürchten kaum etwas mehr als Marathon-Abhängen

Dazu kommt: Die meisten Eltern fürchten kaum etwas mehr als Marathon-Abhängen und Dauer-Chillen ihrer Kinder. Einmal eingegroovt, können auch Gymnasiasten stundenlang auf dem Bett herumsitzen und auf ihr Smartphone stieren, Kopfhörer auf den Ohren, nicht ansprechbar. Oder sie fallen rudelweise bei Billigmodekaufhäusern ein und probieren Sachen an. Ein gutes Buch nehmen sie nur selten zur Hand, Rettungsschwimmer, Ministranten oder Jugendleiter wollen sie auch nicht werden. Für G9 braucht man mehr Lehrer, mehr Schulräume, mehr Geld. Bringen tut es nichts.

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