Meinung : Gäste – zur Geisel genommen Vergleichende Völkerkunde I: Der Empfang

Robert Leicht

Für heute einmal ein Stück vergleichender Völkerkunde, Unterabteilung politische Sitten und Gebräuche, erstes Kapitel: Der Empfang.

Die Zahl solcher protokollarischen Events multipliziert mit der Zahl der Gäste geht ins Unermessliche, obwohl doch immer nur dieselben Leute erscheinen. Sei dem, wie es sei, früher habe ich mich mit meiner persönlichen Faustregel beholfen: Wenn ein Ereignis sich dadurch nicht verändert, dass ich wegbleibe – dann gehe ich gar nicht erst hin. Aber diese bequeme Regel lässt sich natürlich nicht als Kant’scher Imperativ durchhalten, denn wenn jeder sich so vernünftig verhielte, käme ja am Ende gar niemand. Wenn man aber erst einmal selber Empfänge auszurichten hat, ist man auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass Gäste kommen.

Wir berühren hier nur kurz die allzu bekannten Floskeln, die man braucht, um auf einem Empfang ernsthafter Unterhaltung zu entgehen. „Wir sehen uns noch später“, das steht für: Jetzt habe ich erst einmal genug von Ihnen. „Man sieht sich …“ – das heißt: heute Abend aber bitte nicht mehr! „Wir telefonieren uns zusammen“ – signalisiert: Keiner ergreift die Initiative. „Ich rufe Sie an …“ meint: Versuchen Sie es bloß nicht von sich aus.

Das Schlimmste an einem spezifisch deutschen Empfang sind die Länge der Reden und die Zahl der Grußworte; katastrophal wird es, wenn – wie häufig – beide Plagen unmittelbar aufeinander folgen. Gewiss sollte der Gastgeber einige Worte an seine Gäste richten, ganz ohne Worte geht die Chose nicht, schon gar dann nicht, wenn der Einladende bei dieser Gelegenheit gerne etwas loswerden möchte, eine einprägsame Message zu Beispiel. Aber da im Deutschen jedwede Rede immerzu nur aus der Grundform eines umfassenden Stundenvortrags abgeleitet wird, also schon eine Ansprache von „nur“ 35 Minuten bereits als geraffte Kurzform gelten kann, die freilich in gedrängter Form all das enthalten sollte, was zur Vollversion gehört, traut sich kein Gastgeber zu sagen: Nicht nur, dass Sie mir alle herzlich willkommen sind, es wäre mir auch sehr recht, wenn ich Ihnen folgende drei knappe Gedanken skizzieren darf – vielleicht gefällt Ihnen einer darunter. Das macht zusammen höchstens 11, 12 Minuten – und lauter zufriedene Gäste. Und manch einer kann hinterher sogar sagen, was gesagt wurde.

Dann aber die Grußworte! Am gefährlichsten sind jene Empfänge, deren Einladung bereits vorsieht: „Wer ein Grußwort sprechen möchte, der wende sich an …“ Solche Begegnungen sind unbedingt zu meiden, denn wer zu Grußworten derart leichtfertig auch noch aufruft, kommt unter 8 bis 12 derartiger Voten kaum davon. Auch wenn man die Leute dazu anhält, sich jeweils auf 7 Minuten zu beschränken (sagen wollte oder sollte man eigentlich: maximal drei), werden es kaum weniger als 12, kommt hinzu jedes Mal eine Pause von 2 bis 3 Minuten, in denen dem Gastgeber das noch einmal persönlich versichert werden muss, was gerade im Grußwort öffentlich gesagt worden war: Kurzum, bis der Empfang richtig eröffnet werden kann, ist die Gulaschsuppe längst eingedickt, das Bier lau – und die Venen der Leute, die mehr als eine gute Stunde schweigend stehen mussten (dennoch aber ratschten), sind absolut geschwollen. Gab es gestellte Stühle, sind die Leute sogar noch schlimmer dran, weil sie sich dann nicht einmal unauffällig nach rückwärts verdrücken konnten, bevor das fünfte Grußwort begann.

Ach, warum begreifen es deutsche Gastgeber – und Grußwortmacher – so schwer, dass sie die Zuneigung ihrer Gäste umso schneller verspielen, je gründlicher sie diese zur Geisel ihrer länglichen Selbstdarstellung machen, desto länger sie sich deren Unterhaltung untereinander in den Weg werfen?

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