Meinung : Ganz bei mir und ganz weit weg

Das Lesen als edle Sucht: Heute beginnt die 57. Frankfurter Buchmesse

Dorothee Nolte

Es ist dieses Kribbeln im Gehirn, dieses Aufleuchten von Zellen in einer Kopfgegend, die die Hirnforscher vielleicht genau bestimmen können: Dieses besondere körperliche Gefühl, das sich nur beim Lesen einstellt. Alberto Manguel, der Autor der „Geschichte des Lesens“, beschreibt es als Sucht: Hat er im Café mal kein Buch dabei, liest er Speisezettel, Bierdeckel und sogar Fahrpläne. Dann lässt er den Blick schweifen, das Gehirn angenehm angewärmt, und sehnt sich umso mehr: nach einem Buch.

Das Lesen eines Buchs schafft eine eigene Zone – im Kopf und im Umkreis von fünf Metern um den Lesenden herum. Seht her, so ruft sein Anblick den anderen zu, ich konzentriere mich, ich nehme mir die Freiheit, mich abzukapseln und meinen Interessen zu folgen. Inmitten von Gebrüll und Beschallung von allen Seiten, trotz Zeitnot und Sachzwängen, Terminen und Handyklingeln, hier sitze ich und bin gleichzeitig ganz weit weg, folge den Gedanken eines anderen und bin doch ganz bei mir. Stört mich nicht! Es kribbelt so schön.

Gar keine Frage: Sehr viele Bücher sind überflüssig. Schlampig recherchiert, schlecht geschrieben und lieblos lektoriert, werden sie für ein paar Monate auf den Markt geworfen. Wer das Buch an sich zum moralisch höherwertigen Medium erklärt, irrt. Beim Gedanken an über 60000 Neuerscheinungen pro Jahr, an die Flut von Kritiken aus Anlass der Buchmesse, die zu lesen man wieder keine Zeit finden wird, an all die aufmerksamkeitsheischenden Titel kann selbst gutwillige Menschen der Lese-Überdruss plagen. Da hilft nur: radikale Freiheit im Denken und in der Auswahl. Die Zeit zum genussvollen Lesen ist knapp und kostbar. Der Leser aus Leidenschaft lässt sich von niemandem vorschreiben, was „man“ gelesen haben muss, weder von Bildungspäpsten noch von den Kritikern der Feuilletons. Er oder sie lässt sich höchstens anregen, neugierig machen. Und wird bockig, wenn man ihn in seinen Momenten der Freiheit gängeln möchte.

Sänger sprechen von der „Disposition“ zum Singen, die zu erhalten die wichtigste Aufgabe sei. Dasselbe gilt fürs Lesen: Viel wichtiger als die Anzahl der Seiten, die man gelesen hat, oder der Autoren, die man kennt, ist es, die Lust am Lesen zu pflegen. Da tut es nichts zur Sache, wenn in manchen Lebensphasen nur im Urlaub Zeit für dicke Bücher bleibt. Bücher sind geduldig. Sie warten jahrzehntelang im Regal, bis ihr Zeitpunkt gekommen ist, bis ihr Besitzer einmal den Kopf frei hat, sich auf sie einzulassen. Wer das Gefühl des geistigen Abenteuers einmal kennen gelernt hat, vergisst es nicht.

Der renommierte Hirnforscher und Buchautor Manfred Spitzer schreibt, das menschliche Gehirn sei fürs Lesen eigentlich nicht gebaut. Das mag, physiologisch betrachtet, stimmen. Wer wollte sich mit einem Naturwissenschaftler anlegen! Aber der passionierte Leser, die süchtige Leserin wissen es besser: Das menschliche Gehirn hat Hunderttausende von Jahren aufs Lesen, aufs Buch gewartet. Und es wird ihm noch sehr, sehr lange treu bleiben.

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