Meinung : Ganz unten kein Deutsch

Von Susanne Vieth-Entus

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All die Wohlmeinenden dieses Landes werden nicht müde zu betonen, dass Deutschland kein Migranten-, sondern nur ein Schichtenproblem habe. Stimmt. Fragt sich nur, was diese sprachliche Hygiene bringen soll angesichts der Tatsache, dass beides gar nicht zu trennen ist. Die aktuellen Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen aller Berliner Erstklässler belegen, dass 70 Prozent der türkischen Kinder aus der Unterschicht kommen und nur sechs Prozent aus der Oberschicht. Bei den Deutschen stammen nur 25 Prozent aus der Unterschicht, aber 30 aus der Oberschicht. Die Folgen dieses Missverhältnisses sind gravierend. Denn die türkischen Kinder leiden nicht nur unter den typischen Unterschichtproblemen wie zu viel Fernsehkonsum und mangelnde intellektuelle Förderung, sondern es kommen noch massive Sprachprobleme hinzu. All dies vermengt sich zu einer üblen Ballung von Benachteiligung, die schließlich geradewegs zu Rütli-Schulen führt.

Deutschland kann seine verfehlte Einwanderungspolitik der letzten 40 Jahre nicht wieder gutmachen. Es kann nur den Schaden begrenzen, indem es sich viel intensiver um die Kinder kümmert, die in ihren Familien keine Förderung bekommen. Großbritannien hat schon vor Jahren erkannt, dass man diesen Kindern nur helfen kann, wenn man auch die Eltern mit ins Boot holt. Es wurden Familienzentren gegründet, die neben dem Kindergarten noch Räume und Angebote für Mütter und Väter haben. Erst langsam finden sich auch in Deutschland Stiftungen und Kommunen, die bereit sind, solche Einrichtungen zu finanzieren.

Es bedarf aber noch viel mehr als Familienzentren und flächendeckender Versorgung mit Kindertagesstätten. Denn der Erstklässler-Bericht hat gezeigt, dass selbst ein jahrelanger Kitabesuch nicht genug bringt, wenn dort nur noch Migrantenkinder unter sich sind und ein paar schlecht bezahlte Erzieherinnen, die noch nicht einmal wissen, was ein systematischer Spracherwerb ist. Wer nicht nur das Migranten-, sondern auch das wachsende Unterschichtproblem in den Griff bekommen will, muss viel tun: Er braucht ein umfassendes Konzept und er muss tief in die Tasche greifen. Beides ist in Berlin nicht in Sicht.

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