Gastbeitrag : Der Fall Stolpe: Was vor 20 Jahren alles nicht geschah

17.06.2011 12:46 UhrVon Günter Nooke
Die möglichen Stasi-Verstrickungen des brandenburgischen Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) sorgen für Streit in der Enquete-Kommission des Brandenburger Landtags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Foto: Manfred Thomas
Die möglichen Stasi-Verstrickungen des brandenburgischen Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) sorgen für Streit in der Enquete-Kommission des Brandenburger Landtags zur... - Foto: Manfred Thomas

Ein Klima der Verklärung und Relativierung habe geherrscht, als sich ein Untersuchungsausschuss in Brandenburg mit Stolpe und der Stasi beschäftigte, sagt Ex-Ausschuss-Mitglied Günter Nooke. Und das wirke bis heute nach.

Als 1992 die Akten des Staatssicherheitsdienstes der DDR für SED-Opfer und Journalisten öffentlich zugänglich wurden, war der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Manfred Stolpe, der beliebteste ostdeutsche Politiker mit Zustimmungsraten in der Bevölkerung um die 85 Prozent. Diese populäre Ostautorität entstand in einer Dreiecksbeziehung zusammen mit Bürgern und Medien. Selbst der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte im Spreewaldkahn neben ihm keine Chance: Stolpe rief dem Mütterchen im Garten zu, wie toll doch ihr Phlox blühe, und hernach berichteten viele Journalisten begeistert von der Landpartie.

Dabei ist irrelevant, ob Stolpes Stärke, auf Menschen einzugehen, authentisch, angelernt oder beides war. Kurt Biedenkopf in Sachsen wusste, wie man gute Politik macht und erklärt. Aber nur der gelernte DDR-Bürger, wie sich der ehemalige Konsistorialpräsident gern selbst bezeichnete, konnte fühlen wie die Ostdeutschen.

Am 18. Januar 1992 berichtete der „Spiegel“ in einer Vorabmeldung über die konspirativen Stasikontakte des Brandenburgischen Ministerpräsidenten. Doch keiner wollte das wissen oder gar glauben. Selbst Bürgerrechtler wie Rainer Eppelmann und Marianne Birthler äußerten sich gegenüber Medien in den ersten Tagen relativierend. Nur sehr wenige Journalisten berichteten kritisch zur Vergangenheit des Ministerpräsidenten, selbst solche, die zuvor viele Stasifälle zu enthüllen halfen. Kaum ein relevanter ostdeutscher O-Ton war zu hören. Diesen netten SPD-Ministerpräsidenten wollten alle behalten. Stolpe war doch anders als die, die in Thüringen (Duchac), Sachsen-Anhalt (Gies) und Mecklenburg Vorpommern (Gomolka) gehen mussten.

Günter Nooke, heute Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin und CDU-Mitglied, früher Mitglied bei Bündnis 90 und Mitglied im Stolpe-Untersuchungsausschuss. Foto:dpa
Günter Nooke, heute Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin und CDU-Mitglied, früher Mitglied bei Bündnis 90 und Mitglied im Stolpe-Untersuchungsausschuss. - Foto:dpa

Und als in „Report München“ Heinz-Klaus Mertes nach einem gut recherchierten Beitrag zur Rolle Stolpes bei der Loslösung der Evangelischen Kirche in der DDR von der West-EKD am Montagabend des Erscheinens des Spiegelartikels Manfred Stolpe in die Augen sagte, er werde zurücktreten müssen, da erklärte sich auch der letzte zweifelnde Ossi solidarisch: Wir lassen uns doch von den Revanchisten aus München nicht vorschreiben, wer bei uns Ministerpräsident sein darf.

Wir können uns diese Situation heute nur schwer vorstellen. Die Betroffenheit auf allen Seiten war riesig. Die zur Verteidigung Stolpes aufgestellte Taskforce in der Staatskanzlei in Potsdam, von Kritikern als „AG Heiligenschein“ bezeichnet, leistete exzellente Arbeit. Selbst Bundespräsidenten sprachen mit Chefredakteuren, und schon ein fertig geplanter ARD-Brennpunkt wurde keine Stunde vor Beginn der Sendung wieder abgesetzt.

Was geschah, war die permanente Verschiebung der Akzeptanzschwelle im konkreten Einzelfall Stolpe. Warum, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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