GASTBEITRAG : Der Kampf (um die Studentenrevolution) geht weiter

Der gordische Knoten von 1968 lässt sich hier nicht aufdröseln, aber es gibt einen Minimalkonsens, auf den sich die Kontrahenten der Debatte mit etwas gutem Willen einigen können sollten. Auf drei Punkte sollten sich 68er und ihre Gegner einigen können.

Hans Christoph Buch
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Foto: dpa

Es ist kein erhebendes Schauspiel, wenn Veteranen von 1968 verbal aufeinander einprügeln, auch wenn es dabei „nur“ um die Deutungshoheit über die sogenannte Studentenrevolte geht. Die ist heute Geschichte, genauer gesagt, sie ist dabei, von der bloßen Zeitgeschichte zur historischen Vergangenheit zu werden. Fortan haben nicht mehr nur die Zeitzeugen das Wort, deren Aussagen naturgemäß einander widersprechen, sondern die Geschichtsschreiber, die aus dem Stimmengewirr so etwas wie eine historische Wahrheit herausfiltern müssen, die freilich nicht absolut, sondern stets subjektiv eingefärbt sein wird. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Alt-68er heute in führenden Positionen sitzen, in Anwaltskanzleien, auf Lehrstühlen oder Chefsesseln von Parteistiftungen und Zeitungsredaktionen, und dass sie zusammen mit den ideologischen Irrungen und Wirrungen von damals auch ihre politischen Kompromisse von heute zu rechtfertigen suchen. Und, als sei das noch nicht genug, gab es den Einfluss der DDR, nicht nur der Stasi, die ihr tückisches Gift in den Blutkreislauf der westdeutschen Demokratie träufelte, sowie konkurrierender Blätter wie des „Spiegel“, der durch Geldspenden an die außerparlamentarische Opposition (APO) den Rivalen Springer aushebeln wollte.

Der gordische Knoten von 1968 lässt sich hier nicht aufdröseln, aber es gibt einen Minimalkonsens, auf den sich die Kontrahenten der Debatte mit etwas gutem Willen einigen können sollten:

1. Die Kritik der APO am Vietnamkrieg und am Besuch des Schahs von Persien, dessen Regime die Massenmedien vorher schöngeredet hatten, war berechtigt – ebenso wie ihre Kritik an faschistischen Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland.

2. Auch die Empörung der Springerpresse über Mauer, Menschenrechtsverletzungen und Zensur in der DDR war historisch und moralisch berechtigt, ihre Fundamentalopposition gegen die Entspannungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr jedoch nicht, weil erst das Zusammenwirken von äußerer Entspannung und innerer Opposition, sprich Dissidenten, die Mauer löchrig gemacht und zum Einsturz gebracht hat.

3. Die partielle Blindheit der APO gegenüber dem „real existierenden“ Sozialismus war moralisch fragwürdig und politisch falsch, insbesondere ihr Schweigen zum Einmarsch der Sowjetarmee in Prag. Dass dies nur für Teile der Studentenbewegung galt, und dass etwa Rudi Dutschke sich keine Illusionen machte über den totalitären Charakter des Sowjetsystems, ändert nichts an der negativen Bilanz. Andererseits nahm gerade Peter Schneider kein Blatt vor den Mund, als er das Innenministerium der DDR aufforderte, Wolf Biermann zur Teilnahme am Springer-Tribunal nach West-Berlin ausreisen zu lassen und sich dadurch selbst ein Einreiseverbot einhandelte. Von hier führt ein gerader Weg zu Schneiders „Mauerspringer“ und zu seiner Kritik an der Spätphase der Entspannungspolitik, als Bonn bereit war, die Menschenrechte dem Status quo zu opfern und die Dissidenten im Ostblock als Störenfriede empfand. Ich weiß, wovon ich rede, denn damals wurde ich zusammen mit Peter Schneider von DDR-Sympathisanten im Verband deutscher Schriftsteller als Antikommunist an den Pranger gestellt.

Was übrig bleibt, ist die Frage, warum die APO den Springer-Konzern zu ihrem Hauptfeind erkor? Das war mehr als eine Retourkutsche, dafür dass „Bild“ und „BZ“ protestierende Studenten als asoziale Gammler oder maoistische Spinner beschimpften. Dahinter stand eine Fundamentalkritik an der Boulevardpresse, die mit voyeuristischen Sex-&-Crime-Storys die Bevölkerung verdummte: Dass diese von den zum Objekt der Befreiung ernannten Arbeitern gelesen wurde, ließ „Bild“ doppelt verwerflich erscheinen. Auf einem anderen Blatt steht, dass und wie Axel Springer sich für das Existenzrecht Israels und die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden einsetzte. Hier zog er ausnahmsweise mit Günter Grass am gleichen Strang, der von FU-Studenten ausgebuht wurde, als er bei einem Sit-in im Juni 1967 vor dem drohenden Sechstagekrieg warnte. Das abschließende Urteil über diese Vorgänge steht noch aus.

Der Autor ist Schriftsteller und Publizist.

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