Gastbeitrag : Der Staat verdient an den Familien

Teuer und ineffizient ist die Familienpolitik - das bescheinigten der Bundesregierung unabhängige Experten. Doch nicht nur das: Netto zahlen Familien trotzdem drauf, sagt unser Gastautor.

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Eine Familie steht auf einem Deich an der Nordsee in Dornumersiel unter einem roten Schirm im Regen und blickt auf das Wasser. Foto: dpa
Im Regen stehen gelassen. Der Staat gibt viel Geld aus für Familien, aber er holt es sich an anderer Stelle zurück, schreibt unser...Foto: dpa

Nach fünfjähriger Kleinarbeit haben Experten der deutschen Familienpolitik ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt: Extrem teuer und dabei an der Grenze zur Wirkungslosigkeit. Das hat ein gewaltiges polit-mediales Echo ausgelöst. Nahezu unisono beklagen jetzt die Opposition und viele Redaktionen eine astronomische Verschwendung von Steuergeldern und eine wirre, ja widersprüchliche Politik. Für die Bundesregierung im Wahlkampfmodus sind dagegen die heutigen vielfältigen Förderinstrumente, namentlich das Kindergeld, alles in allem wirkungsvoll – selbst wenn die politisch erwünschte Geburtenwende weiterhin auf sich warten lässt.

Tatsächlich liefern alle gemeinsam ein Lehrstück zu einer der größten bundesdeutschen Lebenslügen: Eltern und Kinder leben eben nicht in dem seit Jahrzehnten statistisch gemalten Familienparadies, das sie pro Jahr mit über 200 Milliarden Euro überschüttet.

In der deutschen Wirklichkeit sind Kinder das Armuts- und Berufsrisiko Nummer eins. Und zwar nicht, weil das viele „Fördergeld“ falsch verteilt wird. Sondern weil der Staat es sich wieder zurückholt und unterm Strich sogar bei den Familien kräftig abkassiert – über die Lohn-, Umsatz- oder Ökosteuer und vor allem die gesetzliche Rente. Bekanntlich häuft die keine Rücklagen an, sondern nur Ansprüche, die auf dem Papier stehen. Zahlen müssen die heutigen Kinder. Auch für diejenigen, die sich durch Nachwuchsverzicht nicht mehr am angeblichen Generationenvertrag beteiligen. Noch als amtierende Bundesfamilienministerin hatte deshalb Ursula von der Leyen 2006 eingeräumt, dass Familien ihre vermeintliche Förderung zu 54 Prozent aus eigener Tasche mitbezahlen. Am Ende verdient der Staat laut dem Münchner ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut im Laufe des Lebens pro Kind mindestens 77 000 Euro. Der Nachwuchs ist tatsächlich kein Kostenfaktor, sondern eine sprudelnde Einnahmequelle.

Die Familienpolitik führt nicht zu mehr, sondern zu weniger Geburten

Der massive wirtschaftliche Druck auf die Familien steigt weiter: Durch eine sozial blinde Energiewende, die für Haushalte umso teurer wird, je mehr Mitglieder sie haben. Dazu gesellt sich eine Wirtschafts-, Raumplanungs- und Demografiepolitik, die Jung und Alt in die städtischen Metropolen strömen und so die Preise im Kampf um den knappen Wohnraum explodieren lässt.

Das alles zwingt Väter und Mütter, viel mehr zu arbeiten, als sie wollen. Unisono klagen sie und ihre Kinder über zu wenig gemeinsame Zeit. Am meisten leiden Doppelverdiener in Vollzeit und erwerbstätige Alleinerziehende. Deshalb wünschen sich vollzeiterwerbstätige Mütter im Durchschnitt eine wöchentliche Arbeitszeitverkürzung um zehn Stunden; Väter wollen ihr Pensum um sieben Stunden verringern. Laut dem Stressreport 2012 werden Vollzeitbeschäftigte und Frauen in den weiblichen Zukunftsjobs im Bereich Gesundheit, Bildung und Betreuung überdurchschnittlich oft Opfer von Überlastung. Kein Wunder, wenn Kinder aus Zeitmangel so für immer mehr Paare vom Glücks- zum Stressfaktor werden. Eine Abschreckung für jeden, der sich eigentlich Nachwuchs wünscht.

Das expertengestützte „Patentrezept“ der Politik lautet jedoch unverdrossen: mehr und frühe organisierte (Ganztags)betreuung für die Kleinsten. Schließlich braucht die schrumpf-alternde Republik nicht nur den ganzen Mann, sondern jetzt auch die ganze Frau. Arbeitsmarkt- statt Familienpolitik lautet die Devise.

Das alles ist nichts anderes als ein Programm zur Förderung der Kinderlosigkeit. Ohne Nachwuchs braucht man weder einen wirtschaftlichen noch einen beruflichen Absturz zu fürchten und die nervenaufreibende Frage, wohin das Kind wegorganisiert werden soll, stellt sich gar nicht mehr. Zu guter Letzt kann man dabei noch auf zwei volle Sozial- und Riesterrenten hoffen. Ohne Kinder lebt sich’s hierzulande einfach besser.

So schafft unsere Gesellschaft todsicher ihre eigene Zukunft ab.

Der Autor leitet das „Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit“.

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