GASTBEITRAG : Die deutsche Beweihräucherung der UN ist unangemessen

Die Deutschen lieben die UN, anders als die Amerikaner. Sie wollen, dass die Vereinten Nationen funktionieren. Doch es ist eine unfaire Beziehung, bei der Deutschland die Liebhaberin ist, der Geliebte aber nicht hält, was er ihr verspricht. Niemand verkörpert das besser als UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon.

Jacob Heilbrunn

Es ist immer ein wenig peinlich, wenn ein enger Freund bei einem Test durchgefallen ist. Man kann herumstammeln, ihm die Hand auf die Schulter legen und ein paar aufmunternde Worte sagen. Doch es hilft nichts. Bei dem Freund wird ein Gefühl der Demütigung zurückbleiben. Schließlich ist er nun mal durchgefallen.

So ungefähr lässt sich die Beziehung zwischen Europa und den Vereinten Nationen beschreiben. Die Europäer lieben die UN, anders als die Amerikaner. Sie wollen, dass die Vereinten Nationen funktionieren. Doch die UN bieten wenig Hoffnung, wenn es um ihre eigene Zukunft geht. 1975, zwei Jahre nachdem die Bundesrepublik Vollmitglied wurde, verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, nach der Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen ist. Wenig später wurde der frühere UN-Generalsekretär Kurt Waldheim als Kriegsverbrecher entlarvt.

Dann kam Boutros Ghali an die Spitze, ein elitärer Ägypter, der nichts dafür tat, die Not in der Dritten Welt zu lindern. Noch schlimmer: Er war Generalsekretär zu einer Zeit, als tausende Bosnier in Srebrenica abgeschlachtet wurden, während in der Nähe niederländische Blauhelmsoldaten nutzlos herumstanden. Schließlich führte Kofi Annan die UN, der dafür den Friedensnobelpreis bekam. Er galt als große Nummer. Dann aber stürzte er wegen seines Sohnes, der unter dem Namen des Vaters einen grünen Mercedes zu Sonderkonditionen nach Ghana importieren ließ – vom Skandal rund um die irakischen Öleinnahmen ganz zu schweigen.

Niemand allerdings hat die UN mehr nach unten gezogen als der kraftlose südkoreanische Bürokrat Ban Ki-Moon. Und nie zuvor ist die deutsche Uno-Verehrung so unangemessen gewesen wie heute. Moon gilt schon jetzt als Legende – berühmt für all das, was er nicht erreicht hat. Wo immer eine Krise herrscht – Afrika, Sri Lanka, Irak oder auch der Iran – immer ist Moon weit weg. Er ist stolz auf seine Teamfähigkeit, doch am Ende führt sie dazu, dass er als Generalsekretär nicht wahrzunehmen ist. Im August 2008 gab er das vor UN-Funktionären in Turin sogar zu. Er gestand: „Ich habe versucht, mit Beispielen voranzugehen – aber niemand ist mir gefolgt.“ Doch wie soll man auch jemandem folgen, der keine Führungsstärke zeigt?

Nun wäre es naheliegend, dass ihn die Europäer unter Druck setzen. Aber nein. Der Kontinent, der acht Jahre lang die Entscheidung der Bush-Regierung bedauert hat, nicht mit den UN zu kooperieren, ist ziemlich still, wenn es um Moon geht.

Warum? Zunächst sitzen die Europäer wie ein Kaninchen vor der Schlange. Sie ängstigen sich vor den Problemen, die außerhalb ihrer gemütlichen Grenzen auf sie warten. Deshalb handeln sie nicht, außer vielleicht in Afghanistan. Doch auch dort sind die Vereinten Nationen bloßer Zuschauer – was die deutsche UN-Beweihräucherung noch unverständlicher macht. Die allerdings geht einher mit einem ausgeprägten Unwillen, viel von ihr zu fordern. Es ist eine unfaire Beziehung, bei der Deutschland die Liebhaberin ist, der Geliebte aber nicht hält, was er verspricht.

Wenn sich die Vereinten Nationen in Afghanistan mehr engagieren würden, könnte dies in Deutschland auch die Angst vor Auslandseinsätzen reduzieren. Doch solange hierzulande niemand die Vereinten Nationen entsprechend dazu auffordert, wird die Bürokratie am Hudson River auch nichts dazu beitragen. Was dort fehlt, sind Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein.

Der Mann, der dafür hätte sorgen können, ist Ban Ki-Moon. Doch die Vereinten Nationen werden von einem Platzhalter geführt, dessen stolzeste Errungenschaft schlicht sein Posten ist. Für die Deutschen wäre es an der Zeit zu rebellieren. Bans Amtszeit läuft noch bis 2011. Manchmal ist es barmherziger, einen Freund zu verlassen, der am Ende ist, statt weiter Freundschaft zu heucheln.

Der Autor ist Senior Editor beim „National Interest“. Aus dem Englischen übersetzt von Hannes Heine.

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