Gastbeitrag : Für den Klimawandel

Wir brauchen Wachstum, jedenfalls das von der guten Sorte. Denn Wachstum im Sinne von Fortschritt kann helfen, Ressourcen zu schonen.

Heik Afheldt
Heik Afheldt ist Publizist und Wirtschaftsberater. Er war Herausgeber des Tagesspiegels.
Heik Afheldt ist Publizist und Wirtschaftsberater. Er war Herausgeber des Tagesspiegels.Foto: Mike Wolff

Nun hört man sie wieder, die wohlfeilen Forderungen nach „mehr Wachstum“. In Davos beschwor man das Wachstum als Leitbild zur Überwindung der schmerzenden Konjunkturdellen in den Krisenländern Europas und gegen die Armut in den Ländern der Dritten Welt. In Berlin ist man stolz und glücklich, die rote Laterne in Sachen Wachstum endlich abgegeben zu haben. Hier wachsen die Wirtschaft, die Zahl der Arbeitsplätze, die Steuereinnahmen und sogar die Zahl der Einwohner. Nur ärgerlich, dass damit nun auch die Mieten steigen. „Deckel drauf“, rufen diejenigen, die aus den teuren Misserfolgen einer planwirtschaftlichen Wohnungspolitik nichts gelernt haben.

Aber sonst zeigt man sich mit dem gemessenen Wachstum recht zufrieden. Die Politiker klopfen sich zufrieden auf die Schultern. Mehr Arbeitsplätze und mehr Geld in den Taschen der Berliner, das macht doch Sinn. Oder?

Gleichzeitig warnen einige vor „zu viel Wachstum“. Die vom Club of Rome seinerzeit erfundenen Grenzen des Wachstums scheinen „Doomsdaylern“ wie Dennis Meadows und anderen heute eher noch bedrohlicher und akuter als vor 30 Jahren. Uns gehen die Rohstoffe aus, die Abfälle einer immer wohlhabenderen und zahlreicheren Konsumgesellschaft vermüllen Städte, Land und Meere, wir belasten die Luft mit CO2 und anderen Schadstoffen. Der Klimawandel folgt wie die Rache der Götter für die sündige Gier nach immer mehr. „Less is more“ scheint ein vernünftiges Rezept zur Sicherung des Überlebens. Die Null-Wachstumsdiskussion der 80er Jahre ist wieder da und findet immer mehr Anhänger.

Und was ist nun richtig? Vielleicht hilft ehrliches Nachdenken weiter. Zwei ärgerliche und gefährliche Denkfehler unterlaufen den Verfechtern und den Gegnern von „mehr Wachstum“. Der eine könnte das Etikett „Steuerungsillusion“ tragen, der zweite „Begriffsverwirrung“. Wachstum meint und misst auch ein Mehr an materiellen Gütern, mehr Brot, mehr Autos, mehr Wohnungen, mehr Maschinen und mehr Öl. Und es wächst ja auch weiterhin die Zahl der Erdbewohner. Unser Wachstumsmesser, das Bruttosozialprodukt, misst aber auch das Gegenteil von Ressourcenverbrauch: die intelligente Einsparung von Rohstoffen und Energie. Das ist der technische und organisatorische Fortschritt, so etwas wie Aladins Wunderlampe in unseren entwickelten Gesellschaften. Je besorgter wir die Alarmsignale aus den überlasteten ökologischen Teilsystemen wahrnehmen und je schneller wir erfolgreiche Antworten finden, umso stärker fällt das Wachstum aus.

Also mehr Wachstum? Ja, aber vom richtigen, vom qualitativen Wachstum. Deshalb machen Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung so viel Sinn. Und deshalb ist und bleibt die Forderung nach einem Wachstumsstopp absolut unsinnig. In den armen Ländern mit hohen Bevölkerungszuwächsen sowieso – wieso sollten sie auf dem niedrigen Versorgungsniveau von heute stehen bleiben? Und bei uns, weil erst der Fortschritt die drohenden Engpässe zu entschärfen in der Lage ist. Die Energiewende ist eine solche sinnvolle Reaktion, wiewohl das Konzept der Umsteuerung die Anforderungen an eine rationale Strategie nicht erfüllt.

Was heißt das für die Wachstumspolitik? Damit sind wir bei den angeblichen „Wachstumsmachern“. Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze lassen sich von Politikern nicht „machen“. Die Zahl der öffentlichen Arbeitsplätze ist in den letzten Jahrzehnten aus guten Gründen kräftig zurückgefahren worden. Das allerdings ist nur sinnvoll, wenn die Menschen nicht in dauerhafte Arbeitslosigkeit entlassen werden. Wachstum braucht ein wirtschaftsfreundliches Klima und motivierte Unternehmer, Mitarbeiter und Kapital. Ein Klimawandel gegen die Unternehmer und die Wirtschaft wäre bedrohlich. Aber selbstverständlich braucht es auch einer Orientierung, in welche sinnvolle Richtung es künftig gehen soll. Eben: gutes Wachstum!

Der Autor ist Publizist und Wirtschaftsberater.

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