Gastbeitrag : Otto Graf Lambsdorff – er war ein guter Kamerad

Nichts blieb dem früheren Vorsitzenden der FDP erspart. Bitter wurde er trotzdem nicht.

Hans-Dietrich Genscher

Mit dem Tod von Otto Graf Lambsdorff ist die liberale Familie in Deutschland ärmer geworden. Nur die liberale Familie? Ganz gewiss nicht. Das Land ist ärmer geworden, weil eine der prägenden Persönlichkeiten Nachkriegsdeutschlands von uns gegangen ist. Otto Graf Lambsdorff hat es sich selbst nie leicht gemacht. Er war geprägt von den Erfahrungen einer Generation, die um ihre Jugend betrogen wurde. In den letzten Wochen des Krieges wurde er, der damals 18-Jährige, schwer verwundet, ein Bein musste ihm amputiert werden. Er verzweifelte nicht, er nahm die Herausforderung an und er bestand sie. Wer ihn erlebt hat, bewunderte die Tapferkeit, mit der er sich jede Rücksichtnahme verbat.

Dass er als Marktgraf bezeichnet wurde, war Ausdruck von Respekt und Anerkennung, die selbst seine erbittersten Gegner ihm nie verweigerten. In dem Begriff Marktgraf war auch die Verantwortung enthalten, die landläufig mit dem Begriff des Deichgrafen verbunden wird. So sah er seine Stellung in Staat und Gesellschaft. Er hatte bewiesen – bevor er aktiver Politiker wurde – dass er in seiner beruflichen Verantwortung Entscheidendes zu leisten vermochte, das war ein gutes Fundament für die Übernahme politischer Verantwortung. Er war ein in jeder Hinsicht unabhängiger Mann. Das machte ihn stark in der Durchsetzung seiner Überzeugungen, die er unerbittlich, mit Schärfe und auch mit Angriffslust vertrat. Er sah sich als Repräsentant der sozialen Marktwirtschaft, die für ihn mehr war als eine Art Geschäftsordnung für wirtschaftliches Handeln. Für ihn war Marktwirtschaft Verantwortungswirtschaft.

Otto Graf Lambsdorff war ein Patriot im besten Sinne des Wortes. Die Teilung des Landes schmerzte ihn. Ihre Überwindung wollte er, die Hoffnung, dass das möglich sein würde, gab er nie auf. So war für ihn die Zusammenführung der Liberalen in Ost und West unter seinem Vorsitz die Krönung seiner Zeit als Vorsitzender der FDP. Gewiss hat dabei eine Rolle gespielt, dass seine prägenden Jahre die in der Ritter-Akademie in Brandenburg waren. Die Berufung zum Domherrn in Brandenburg nach der Vereinigung Deutschlands war für ihn Ehre und Verpflichtung. Es war sein Wunsch, dass, wenn einmal die Stunde gekommen sein würde, die Trauerfeier im Brandenburger Dom stattfinden möge. Auch das zeigt, was für ihn die Einheit des Landes wirklich bedeutet hat. Aber für seine Freunde offenbart es auch, dass mit Otto Graf Lambsdorff ein in seinem christlichen Glauben fest verwurzelter Mann von uns gegangen ist. Ein Mann, der die Kraft zum Bestehen der Prüfungen seines Lebens aus seiner Familie und aus seinem christlichen Glauben geschöpft hat.

Die Geschichte wäre ungerecht, wollte sie Otto Graf Lambsdorff allein als den Marktgrafen in Erinnerung behalten. So unerbittlich er in der Ordnungspolitik für die Wirtschaft war, so war er das, wenn es um die Kernbereiche der Rechtsstaatlichkeit ging. In seiner Zeit als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung verstand er sich als Repräsentant liberaler Menschenrechtspolitik. So wie sie sich in der Zeit der Teilung Deutschlands und Europas bewährt hatte und wie es in der aktiven Menschenrechtspolitik der KSZE, die er nachdrücklich unterstützte, zum Ausdruck kam. Seinem Verständnis von Pflicht und Verantwortung entsprach es, dass er sich zur Verfügung stellte, als es darum ging, die Zwangsarbeiter zu entschädigen, soweit das für dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte überhaupt möglich war.

Für mich ist ein Mann gegangen, der vom politischen Weggefährten zum Kampfgefährten wurde und dann zum verlässlichen Freund. Er war ein Mann, auf den man bauen konnte, er war ein guter Kamerad, einer, von dem man sagen kann, einen Besseren wirst du nicht finden. Otto Graf Lambsdorff hat Spuren hinterlassen. Sein Denken und sein Handeln werden fortwirken, aber auch seine innere Haltung, die er stets bewahrte mit der Tapferkeit eines Menschen, dem nichts erspart blieb und der dennoch nicht bitter wurde, sondern noch stärker und noch überzeugender.

Der Autor war von 1974 bis 1992 Außenminister.

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