Gastbeitrag : Pausenlos der Nie-Vollendung entgegen

Klaus Wowereit hat eine "Corporate Identity" für Berlin gefordert. Wozu eigentlich, fragt der Berliner CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns. Die Gäste kommen auch in die Stadt wie sie ist.

Uwe Lehmann-Brauns
Uwe Lehmann-Brauns ist Mitglied der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.
Uwe Lehmann-Brauns ist Mitglied der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Regierende Bürgermeister verlangt von den Berlinern gegenüber inner- und außerstädtischer Häme mehr Corporate Identity, auf Deutsch: mehr Korpsgeist. Im Tagesspiegel-Interview verweist er auf die Haltung der Bürger in Hamburg und München, die er für stadtfreundlicher hält als das hiesige, bissige Innenklima. Klaus Wowereit weiß allerdings genau, dass der Geist in Berlin weder homogen noch gemütlich ist. Wenn man hier stolz auf Erfolge ist, die es zweifelsohne gibt, zeigt man das nicht.

Die Republik, so Helmut Schmidt, hat „die Schnauze voll“, weil Berlin das Geld anderer ausgibt. Dennoch überrennt die Republik die Stadt mit immer mehr Menschen – obwohl Berlin weder den neuen Flughafen noch die alte Oper hinbekommt, die Arbeitslosenquote hoch bleibt und eine Schwabenphobie losgetreten wird. Aber: Im Jahr 2012 übernachteten 24,9 Millionen Menschen in der Stadt, davon 60 Prozent Inländer. Weltweit ist Berlin nach Wien, Paris, Barcelona das viertbeliebteste Ziel für Verbandskongresse.

Was ist also dran an Berlin, dass es bei so vielen Defiziten so viele Leute anzieht? Im Vergleich mit London, Paris, Rom, auch St. Petersburg und Wien ist Berlins Herkunft, verglichen mit jenen weltstädtischen Metropolen eher bescheiden. Nie war Berlin Zentrum einer europäischen Weltmacht. Erst 1871 wurde sie deutsche, zuvor war sie Hauptstadt Preußens, einer europäischen Mittelmacht.

Vielleicht ist Berlin liebenswürdiger als seine historisch aufgeladenen Schwestern. Aber wer wüsste es nicht: Die Bewohner sind vielleicht nicht die mürrischsten in Europa, aber doch kurz angebunden, nicht gelassen, kommen dem nahe, was Heiner Müller für typisch deutsche Wesenszüge hält: „Nicht heiter, nicht beruhigt, nicht römisch, nicht klassisch oder chinesisch.“ Ist die Berliner Gesellschaft anziehend? Sie gibt es gar nicht, man lebt hier kleinteilig, kiez- und verbandsbezogen.

Und doch schrumpft die Stadt nicht, sondern wächst, bis 2030 um 300 000 Menschen, vor allem Jüngere, Kreative zieht sie an. Dafür gibt es ökonomische Gründe: die niedrigen Preise, selbst noch für Mieter. Mittags kann man, ob in der westlichen oder östlichen Mitte, für fünf bis acht Euro essen, inflationär schießen die Cafés, Restaurants, Bars, Clubs aus dem gelben Sandboden. Das macht den Unterschied zu anderen deutschen Städten aus. Aber der Preis ist nur ein Faktor. Denn Berlin hat trotz niedriger Preise weder London noch Paris überholt. Worauf beruht also diese von Burkhard Kieker so genannte „Comeback Story als Weltstadt“ wirklich?

Paris, London, Rom haben ihre Rolle in Europa und der Welt gefunden. Sie kultivieren ihren Stillstand. Berlin ist täglich auf der Suche, sich selbst zu finden. In Mitte gräbt es seine eben erst entdeckte mittelalterliche Herkunft aus, keinen Spatenstich weiter die Fundamente des 1950 zerstörten Schlosses. Die Neugier in der Stadt hat unterschiedliche Tiefenwirkung. So will manch einer in der Szene wissen, warum die Männer in Hollywood und Kreuzberg noch immer Bärte tragen. Der neue US-Außenminister outet sich als Berliner Junge, „ich war ein Berliner“. Aber die Stadt ist auf Zukunft programmiert. Wohl oder übel auch wegen der himmelhohen Baukräne und aufgerissenen Straßen.

Diese mit sich und der Welt unzufriedene Stadt fiebert pausenlos ihrer Nie-Vollendung entgegen. Rastlos arbeitet das Labor der Moderne, angetrieben durch die Experimentiermanie der jungen und Kreativszene. Voraussetzungen und Standards sind andere als die der 20er Jahre, es fehlen die Expressionisten! Aber die Kunst wird sich die Verarbeitung und Gestaltung dieses fiebernden Prozesses nicht entgehen lassen.

Was also treibt die Millionen Menschen trotz aller Defizite in diese Stadt? Die Lust teilzunehmen an einer als unterhaltsam empfundenen Veranstaltung bei maßvollem Eintrittsgeld. Und ein Ende dessen ist nicht abzusehen, solange die Party läuft und die Neugier nicht verflogen ist.

Der Autor ist Mitglied der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

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