Gastbeitrag : So schnell wie vor dem Ersten Weltkrieg

Im Jahr 2014 wird in Europa an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren erinnert. Ganz praktisch trennt Berlin noch heute vieles von Polen - zum Beispiel mangelnde Zugverbindungen, schreibt der Grüne Michael Cramer.

Michael Cramer
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Nun wächst zusammen, was zusammengehört“ – der Satz von Willy Brandt galt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht nur für Deutschland, sondern auch für das jahrzehntelang gespaltene Europa.

Mehr als 20 Jahre später müssen wir leider feststellen, dass im Schienenverkehr insbesondere zwischen Deutschland und Polen mehr getrennt als vereint wurde. Die beiden Länder sind heute schlechter verbunden als zuzeiten des Kalten Krieges. 1972 gab es täglich 18 Zugpaare im Fernverkehr, heute nur noch sechs!

Von den fünf grenzüberschreitenden Schienenstrecken wurde bisher nur die zwischen Berlin und Warschau ausgebaut, eine weitere Sanierung ist lediglich geplant. Und das angesichts des Missstands, dass die Verbindungen schlechter sind als vor dem Krieg – manche sogar vor dem Ersten Weltkrieg.

Schuld daran ist nicht der Geldmangel, sondern der fehlende politische Wille. Deutschland, vom Rand der zweigeteilten Welt in die Mitte des vereinten Europas gerückt, braucht als Transitland den Blick über die Grenze, vor allem nach Polen, das Land mit dem stärksten Wachstum der EU.

Doch statt das Zusammenwachsen zu fördern, will die Bundesregierung mit 500 Millionen Euro aus ihrem Etat einen drei Kilometer langen Stadtautobahn-Abschnitt in Berlin finanzieren, der mit 150 Millionen Euro pro Kilometer die teuerste Autobahn der Bundesrepublik wäre. Und diese Summe dürfte sich nach den Berliner Erfahrungen locker verdoppeln. Wenn die Stadt sie bezahlen müsste, so der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, würde sie nicht gebaut.

Das umstrittene Projekt der A 100 zeigt deutlich, dass im Bundesverkehrsministerium offensichtlich genug Geld vorhanden ist, um die durch den Eisernen Vorhang unterbrochenen Bahnstrecken nach Polen zu ertüchtigen. Die Bundesregierung setzt aber die falschen Prioritäten: In den 1930er Jahren benötigte der „Fliegende Schlesier“ für die 320 Kilometer von Berlin nach Breslau etwa zweieinhalb Stunden. Heute brauchen die Züge doppelt so lange. Während Polen den Abschnitt von Breslau bis zur Grenze schon ertüchtigt und elektrifiziert hat, fehlt in Deutschland ein 50 Kilometer langer Fahrdraht, weshalb ein zweifacher Lokwechsel nötig ist. In Cottbus von einer Elektro- auf eine Diesellok und an der Grenze zurück auf eine Elektrolok.

Ein weiteres Beispiel: Weil die Bundesregierung sich seit Jahrzehnten weigert, zwischen Angermünde und Stettin die 30 Kilometer lange Elektrifizierungslücke zu schließen, muss auch dort auf eine Diesellok umgekuppelt werden. Für die 150 km benötigt man heute knapp zwei Stunden – wie vor dem Ersten Weltkrieg. Deutschland als Ankündigungsweltmeister hat die für 2016 geplante Ertüchtigung vor kurzem erneut auf 2020 verschoben. Würde die Strecke Berlin–Stettin vollständig elektrifiziert und auf eine Geschwindigkeit von 160 km/h ausgebaut, wären etwa 100 Millionen Euro nötig.

Für die Direktverbindung von Berlin über Kietz-Küstrin nach Danzig hat die polnische Seite alle Vorkehrungen getroffen. Für den deutschen Streckenabschnitt müsste die laut Grundgesetz für den Fernverkehr zuständige Bundesregierung pro Jahr lediglich 650 000 Euro zur Verfügung stellen. Trotz ihres Verfassungsauftrags fühlt sich die Bundesregierung dafür nicht zuständig.

Die Ertüchtigung der Schienenstrecke über die Insel Usedom nach Swineoujscie würde knapp 100 Millionen Euro kosten. Sie zweigte einst von Ducherow ab und führte über die Karniner Brücke zu „Berlins Badewanne“. Nach Ertüchtigung der fehlenden 40 Kilometer würde die heutige Fahrzeit auf zwei Stunden halbiert.

Im Jahr 2014 wird in Europa an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren erinnert. Und gerade wir Deutschen wissen, dass ohne die friedlichen Revolutionen in Ostmitteleuropa und insbesondere den mutigen Widerstand der polnischen Gewerkschaft „Solidarnosc“ die Mauer in Berlin und der Eiserne Vorhang in Europa nicht gefallen wären. Auch deshalb müssen die Schienenverbindungen nach Polen eine hohe Priorität bekommen.

Der Autor ist Mitglied des Europaparlaments (Grüne).

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