Gastbeitrag von Niall Ferguson : Die westliche Welt befindet sich im Niedergang

Staatsschulden, Regulierung, verkümmerte Zivilgesellschaft: Warum sich die westliche Welt im Niedergang befindet

Niall Ferguson
Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Harvard University. Der Text ist ein Vorabdruck aus Fergusons Buch „Der Niedergang des Westens. Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben“, das am 14. Mai erscheint (Propyläen Verlag, 200 Seiten, 18 Euro).
Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Harvard University. Der Text ist ein Vorabdruck aus Fergusons Buch „Der...Foto: dpa / picture-alliance

In dem Italowestern „Zwei glorreiche Halunken“ gibt es eine denkwürdige Szene, in der die heutige Lage der Weltwirtschaft auf den Punkt gebracht wird. Der Blonde (Clint Eastwood) und Tuco (Eli Wallach) haben endlich den Friedhof gefunden, wo das Gold, das sie suchen, vergraben ist – einen riesigen Bürgerkriegsfriedhof. Eastwood schaut auf seinen Revolver, dann auf Wallach und spricht die unsterblichen Worte: „Siehst du, auf dieser Welt gibt es zwei Kategorien von Menschen. Die einen haben einen geladenen Revolver, und die anderen buddeln.“

Ganz ähnlich gibt es in der Nachkrisenwirtschaft zwei Arten von Wirtschaften: Jene mit enormer Vermögensakkumulation, mit Staatsfonds (im Wert von mehr als vier Billionen Dollar) und Devisenreserven (5,5 Billionen Dollar allein in den Schwellenländern), sind diejenigen mit dem Colt in der Hand, während jene mit riesigen Staatsschulden (die sich heute weltweit auf fast 40 Billionen Dollar summieren) diejenigen sind, die buddeln müssen. In solch einer Welt zahlt es sich aus, wenn man über unterirdische Ressourcen verfügt. Diese sind allerdings alles andere als gerecht verteilt. Nach meinen Berechnungen haben die weltweit nachgewiesenen unterirdischen Rohstofflager einen Wert von rund 359 Billionen Dollar, von denen 60 Prozent nur zehn Ländern gehören: Russland, den Vereinigten Staaten, Australien, Saudi-Arabien, China, Guinea (das reiche Bauxitvorkommen besitzt), dem Iran, Venezuela, Südafrika und Kasachstan.

Betreten wir nun das Reich des bekannten Unbekannten. Wir wissen nicht, wie sehr die Entdeckung von Rohstofflagern (insbesondere im noch nicht erkundeten Afrika) und der technologische Fortschritt (wie das Hydraulic Fracturing oder „Fracking“) die Rohstofflage in Zukunft verändern werden. Ebenso wenig wissen wir, wie sich Finanzkrisen auf die Rohstoffpreise auswirken und wie sehr sie den Anreiz, neue Treib- und Rohstoffquellen zu erschließen, erhöhen werden. Ferner wissen wir nicht genau, wie die Politik einen Sektor beeinflussen wird, der wegen seiner unbeweglichen Vermögenswerte für Enteignung und willkürliche Besteuerung anfälliger ist als andere. Bekannt ist, dass die unbeschränkte Verbrennung fossiler Rohstoffe wahrscheinlich globale Klimaveränderungen bewirken wird, aber wir wissen nicht genau, worin sie bestehen und wann sie genügend Schaden anrichten werden, um eine ernstzunehmende politische Antwort zu provozieren. Bis dahin wird sich der Westen Fantasien über „grüne“ Energie hingeben, während die übrige Welt fortfährt, so viel Kohle zu verbrennen, wie gefördert wird, anstatt jene Maßnahmen zu ergreifen, die den Kohlendioxidausstoß tatsächlich verringern würden: den Bau von Atom- und sauberen Kohlekraftwerken, die Umstellung von Fahrzeugen auf Erdgas und die Erhöhung der Energieeffizienz der privaten Haushalte. All dieses bekannte Unbekannte erklärt die außerordentlichen Sägezahnbewegungen der Rohstoffpreise seit 2002.

Ebenfalls in die Kategorie des bekannten Unbekannten gehören zwei Arten von Naturkatastrophen: erstens Erdbeben, die zufällig von der Bewegung der tektonischen Platten verursacht werden (weshalb wir zwar den Ort kennen, aber weder den Zeitpunkt noch die Stärke), sowie die von ihnen ausgelösten Tsunamis und zweitens Pandemien, hervorgerufen von ebenso zufälligen Virenmutationen wie den Grippeerregern. Über diese beiden Katastrophenarten lässt sich kaum mehr sagen, als dass ihnen wegen der zunehmenden Konzentration unserer Spezies in Städten im asiatisch-pazifischen Raum, die aufgrund der allgemeinen Vorliebe für Küsten verrückterweise häufig unweit von Bruchlinien errichtet wurden, in Zukunft wesentlich mehr Menschen zum Opfer fallen werden als bisher. Fügt man dem das Problem der nuklearen Proliferation hinzu, hat man durchaus Gründe, die heutige Welt für gefährdeter zu halten als in der Zeit des Kalten Krieges, in der die Hauptgefahr für die Menschheit das kalkulierbare Risiko eines Worst-Case-Szenarios in einem einfachen Spiel mit zwei Teilnehmern war. Heute gibt es mehr Unsicherheit als kalkulierbare Risiken. Dies ist das Ergebnis der Verwandlung einer bipolaren in eine Netzwerkwelt.

Unbekanntes Unbekanntes lässt sich seinem Wesen nach nicht vorhersehen. Aber was ist mit dem unbekannten Bekannten, den Einsichten, die aus einer Betrachtung der Geschichte gewonnen werden können, von den meisten aber ignoriert werden? Auf die Frage nach den Hauptrisiken, die ihrer Ansicht nach „das Wachstum in schnellwachsenden Märkten in den nächsten drei Jahren bremsen können“, nannten im Jahr 2011 annähernd tausend Manager aus aller Welt als die vier größten: Vermögensgüter-Preisblasen, politische Korruption, Einkommensungleichheit und mangelnde Inflationsbekämpfung. 2014 werden diese Befürchtungen möglicherweise nicht mehr aktuell sein. Aus Sicht des Historikers sind heute die wirklichen Gefahren in der nichtwestlichen Welt Krieg und Revolution. Genau diese beiden Ereignisse sind unter den oben beschriebenen Umständen zu erwarten. Revolutionen werden durch eine Kombination aus hohen Lebensmittelpreisen, einer jungen Bevölkerung, einer aufstrebenden Mittelschicht, einer polarisierenden Ideologie, einem korrupten alten Regime und einer schwächer werdenden Weltordnung verursacht. Im Nahen Osten sind alle diese Bedingungen erfüllt – und natürlich ist die islamistische Revolution bereits im Gang, wenn auch unter der irreführenden Bezeichnung eines „Arabischen Frühlings“. Worüber man sich Sorgen machen sollte, ist der Krieg, der fast immer auf eine Revolution von solchem Ausmaß folgt. Denn im Gegensatz zu Steven Pinkers optimistischer Auffassung, der langfristige Trend der menschlichen Geschichte weise in Richtung Frieden, offenbart die statistische Häufigkeit von Kriegen kein derartiges Muster. Wie bei Erdbeben kennen wir auch bei Kriegen den wahrscheinlichen Ort, aber weder den Zeitpunkt ihres Ausbruchs noch ihr Ausmaß.

Gestützt wird mein Pessimismus in Bezug auf das Auftauchen eines technologischen Deus ex Machina von einer einfachen historischen Beobachtung. Im Vergleich mit dem, was in den 25 Jahren zuvor (1961–1986) erreicht wurde (wie beispielsweise die Mondlandung), sind die Errungenschaften der letzten 25 Jahre nicht besonders beeindruckend. Und die technologischen Meilensteine der 25 Jahre vor 1961 (1935–1960) waren sogar noch bemerkenswerter (wie die Kernspaltung). Mit den Worten von Peter Thiel, dem wahrscheinlich einzigen Skeptiker im Umkreis von hundert Meilen um Palo Alto: „Wir wollten fliegende Autos, bekamen stattdessen aber nur 140 Zeichen“ (140 Zeichen ist die maximale Länge einer Twitternachricht). Seit der Zeit der Concorde ist die Reisegeschwindigkeit zurückgegangen. Grüne Energie ist unbezahlbar, und uns fehlt der Ehrgeiz, einen Krieg gegen die Alzheimer-Krankheit auszurufen, „obwohl nahezu ein Drittel der 85-jährigen Amerikaner an irgendeiner Form von Demenz leidet“ (Peter Thiel). Darüber hinaus müssten technologische Optimisten erklären, warum der rasche wissenschaftlich-technische Fortschritt in diesen früheren Perioden mit einem massiven Konflikt zwischen militanten Ideologien zusammenfiel. (Frage: Welche Gesellschaft war 1932, an der Zahl der Nobelpreise gemessen, die wissenschaftlich fortschrittlichste Gesellschaft? Antwort: die deutsche.) Die Implikationen sind klar. Mehr und schnellere Informationen sind kein Gut an sich. Wissen ist nicht die Lösung für alle Probleme. Und Netzwerkeffekte sind nicht immer positiv. In den 1930er Jahren gab es große technische Fortschritte. Aber sie beendeten die Große Depression nicht. Dazu brauchte es einen Weltkrieg.

Der Kriege müde und im Bewusstsein des Reichtums an fossilem Brennstoff, der durch das „Fracking“ erreichbar geworden ist – und bis 2035 die Abhängigkeit vom Erdöl aus dem Nahen Osten beenden könnte –, verabschieden sich die Vereinigten Staaten aus dieser Region. Keiner weiß, wer oder was das Vakuum füllen wird. Ein nuklear bewaffneter Iran? Eine neo-osmanische Türkei? Arabische Islamisten unter Führung der Moslembruderschaft? Wer immer die Oberhand gewinnen wird, es dürfte kaum ohne Blutvergießen abgehen. Man bitte einen x-beliebigen Vertreter der Schattenwelt der Geheimdienste, die größten zeitgenössischen Bedrohungen aufzuzählen, und er wird sehr wahrscheinlich den Bioterrorismus, den Cyberkrieg und die Verbreitung von Atomwaffen nennen. Gemeinsam ist diesen Gefahren, dass radikalisierten (oder einfach verrückten) Einzelnen oder Gruppen durch die moderne Technologie eine enorme Macht zuwächst. Es dauert sicherlich nicht lange, bis auch Nichthistorikern ein weiteres unbekanntes Bekanntes klar wird: dass Gewalt ihren Höhepunkt erreicht, wenn Imperien sich zurückziehen, nicht wenn sie auf dem Vormarsch sind. Und auch im imperialen Kernland kann sich diese Gewalt manifestieren. Laut dem „Kliometriker“ Peter Turchin wird der „nächste Höhepunkt der Gewalt … in den Vereinigten Staaten um 2020 erreicht“.

Nach Adam Smith kommen Länder zum Stillstand, wenn ihre „Gesetze und Einrichtungen“ so weit degeneriert sind, dass Wirtschaft und Politik von elitärer Besitzstandswahrung beherrscht werden. Ich habe darzulegen versucht, dass dies heute in bedeutenden Teilen der westlichen Welt der Fall ist. Staatsschulden – offene und versteckte – sind zu einem Mittel der älteren Generationen geworden, auf Kosten der Jungen und der noch Ungeborenen zu leben. Die Regulierung ist derart dysfunktional geworden, dass sie die Fragilität des Systems erhöht. Rechtsanwälte, die in dynamischen Gesellschaften Revolutionäre sein können, werden im Westen zu Parasiten. Und die Zivilgesellschaft verkümmert zu einem bloßen Niemandsland zwischen Unternehmensinteressen und Politik. Zusammengenommen sind dies die Entwicklungen, die ich als Große Degeneration bezeichne.

Kurz vor Fertigstellung dieses Buchs hielt der amerikanische Präsident eine Rede, die wunderbar illustriert, was ich meine: „Wenn Sie Erfolg haben, hat Ihnen jemand irgendwann einmal unter die Arme gegriffen. Irgendwo in Ihrem Leben gab es einen großen Lehrer. Jemand hat dieses unglaubliche amerikanische System geschaffen, in dem wir leben und das es Ihnen ermöglicht, erfolgreich zu sein. Jemand hat in Straßen und Brücken investiert. Wenn Sie ein Unternehmen haben – Sie haben es nicht allein zu dem gemacht, was es ist. Jemand anders hat die Vorarbeit geleistet. Das Internet kommt nicht aus dem Nichts, sondern staatliche Forschung hat es erschaffen, so dass alle Unternehmen Geld damit verdienen können … Es gibt Dinge, wie die Brandbekämpfung, die wir nicht allein tun … Also sagen wir seit der Gründung dieses Landes: ,Weißt du was, es gibt Dinge, die wir besser gemeinsam tun.‘ So haben wir das G.-I.-Gesetz finanziert. So haben wir die Mittelschicht geschaffen. So haben wir die Golden Gate Bridge und den Hoover-Staudamm gebaut. So haben wir das Internet erfunden. So haben wir einen Menschen auf den Mond geschickt.“

Dies ist die authentische Stimme des Stillstands: Der Ober-Mandarin spricht zu seinen fernen Untertanen in den Provinzen. Nicht, dass die angedeutete gegenseitige Abhängigkeit von Staat und Wirtschaft falsch ist. Beunruhigend ist ihre übermäßige Betonung, so als bedürfte es bei jeder Gründung einer kleinen Firma des Staates oder als hätte er allein „die Mittelschicht geschaffen“. Noch verstörender ist das auffallende Fehlen jeglichen Zukunftsprojekts, das mit den genannten Projekten aus der Vergangenheit vergleichbar wäre (ein noch besseres Beispiel wäre das Manhattan-Projekt, aber wahrscheinlich wäre seine Erwähnung nicht politisch korrekt gewesen).

Es ist schlimm genug mitanzuhören, wie der Staatskapitalismus von der Kommunistischen Partei Chinas als Wirtschaftsmodell gepriesen wird. Aber mitzuerleben, wie der Präsident der Vereinigten Staaten ihn als inhaltsleere rhetorische Formel benutzt, lässt zumindest mich wehmütig auf den frohen, zuversichtlichen Morgen von 1989 zurückblicken – als der Westen wirklich gesiegt zu haben schien und eine große Regeneration ihren Anfang nahm.

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