GASTBEITRAG : Warenhäuser haben sich überlebt

Die Unfähigkeit der Manager, auf postindustrielle Veränderungen zu reagieren, und die Mentalität der Angestellten, bis zum Untergang zu warten, sollten uns nicht selbstverständlich werden. Schließlich sind die Chancen, selbst zum Unternehmer zu werden, besser denn je.

Günter Faltin
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Foto: Thilo Rückeis

In der Diskussion über drohende Arbeitsplatzverluste – zum Beispiel bei den Warenhäusern – werden leider nur konventionelle Konzepte diskutiert. Die Chancen, den Handel mit zeitgemäßer Technologie, etwa im Internet, auf eine breitere und modernere Basis zu stellen, bleiben unberücksichtigt. Die Unfähigkeit der Manager, auf postindustrielle Veränderungen zu reagieren, und die Mentalität der Angestellten, bis zum Untergang zu warten, sollten uns nicht selbstverständlich werden. Subventionen lösen die Probleme nicht. Man kann sich durchaus ein Leben ohne Warenhäuser und den immer teurer werdenden Einzelhandel vorstellen. Warenhäuser haben sich überlebt. Wie lange wollen wir es uns noch gefallen lassen, dass wir für Dinge, von denen wir wissen, dass sie nur wenige Cent in der Herstellung kosten, teures Geld ausgeben? Das fragt kein Spinner, sondern der Marketing-Papst des Internets, Seth Godin.

Mit der Differenz aus Herstellungskosten und den Preisen im Einzelhandel sind die AlbrechtBrüder steinreich geworden. Unter Blinden ist der Einäugige König, sagt das Sprichwort. Wir, die wir glauben, Aldi sei preiswert, unterliegen einer Täuschung. Wir sind die Blinden, die ökonomischen Analphabeten. Solange wir an der Konvention kleben, wir Normalmenschen taugten nicht als Unternehmer, wird sich daran nichts ändern. Die Erwartung, die Hoffnung, dass die ökonomischen Schwergewichte dieser Welt nach der gegenwärtigen Krise ethischer, verantwortungsvoller und nachhaltiger wirtschaften werden, setzt der Ignoranz noch eins drauf.

Solange es gut bezahlte Arbeitsplätze in ausreichender Menge gab, blieb die Idee, selbst unternehmerisch initiativ zu werden, den meisten Menschen fremd. Es gab auch gute Gründe, warum für Normalmenschen eine Unternehmensgründung nicht infrage kam. Die Verfügung über ausreichende Kapitalmittel, der Mangel an betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, das Scheitern der Mehrheit aller Unternehmensgründungen wurden am häufigsten genannt.

Heute ist die Situation anders. Heute können wir ein Unternehmen aus Bausteinen zusammensetzen, wie beim Legospielen. Es sind professionell organisierte Bausteine, die uns die meiste Arbeit abnehmen. Und die Möglichkeiten nehmen durchs Internet noch täglich zu. Wer sich einen Internet-Shop einrichtet, bekommt die betriebswirtschaftliche Verwaltung gleich mitgeliefert. Die damit verbundenen Kosten und Risiken sind minimal. Die heutigen Chancen, Unternehmen zu gründen, sind historisch einmalig. Unternehmerisches Handeln könnte so zur Perspektive für eine ganze Generation werden.

Günter Faltin ist Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin.

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