Gastkommentar : Achtung, Freund hört mit!

Kurras und die Stasi: West-Berlin war für das MfS "Operationsgebiet". Die Stasi wusste häufig nicht, ob sie den Westen abschaffen oder von ihm profitieren wollte. Auch für West-Menschen gab es viele interessante Kompensationsgeschäfte mit der DDR. Vergangenheitsbewältigung ist unbequem.

Lutz Rathenow
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

West-Berlin haben wir besser im Griff als die Szene hier“, lächelte mich der Stasi-Mann während der Vernehmung Mitte der 80er Jahre an. Politiker der Grünen planten mit ostdeutschen Bürgerrechtlern eine Demo am Alex, Hunderte wurden vorbeugend festgenommen. Der auffällig gut gekleidete und immer wieder in sich hineinglucksende Offizier des MfS in Zivil referierte weiter: Alles, was wir hier nicht erfahren, ermitteln wir in West-Berlin. Spätestens in der „Weltlaterne“ (eine Kreuzberger Kneipe) reden Ihre Jenaer Freunde ungehemmt.

Das Ziel des Mannes war klar: Er wollte mir Angst vor West-Berlin machen und dadurch meine Aktivitäten im Osten zügeln. Längst hatte ich bemerkt, dass die von akkreditierten West-Journalisten unbehelligt von DDR-Kontrollen über die Grenze geschmuggelten Briefe im internen West-Berliner Postverkehr nicht immer ankamen. Und bei West-Berliner Freunden war an ihren Autos herummanipuliert worden. Der Schriftsteller Jürgen Fuchs berichtete am Telefon unglaubliche Dinge, für die wir das Fachwort „Zersetzungsmaßnahme“ noch nicht kannten. Irgendwie konnte das MfS in West-Berlin äußerst ungehemmt arbeiten und bezeichnete die Halbstadt ja intern auch als sein „Operationsgebiet“. Ein irrealer Ort: Agentenschleuse der besonderen Art – ohne Kontrolle kam einer aus dem Osten in das westliche System – vorausgesetzt, die Ost-Bewacher der Grenze ließen es zu.

Und nun regen sich Politiker über ein Versagen der Stasi-Unterlagenbehörde auf. Immerhin hat ein Wissenschaftler dieser Behörde den Polizisten Karl-Heinz Kurras als IM erforscht. Hätte es in einer anderen Akte einen nicht ganz genauen Hinweis in diese Richtung gegeben, wäre der nach praktizierter Gesetzeslage weggeschwärzt worden. Wie viele Hinweise auf potenzielle Skandale haben so Mitarbeiter der Behörde einfach wegschwärzen müssen? Keiner kann oder soll jeden auftauchenden Namen erst auf IM-Kontaminierung prüfen. Das systematische Archivieren der Akten und Namen wäre der einzige Weg zur Aufklärung. Und der ist laut Unterlagengesetz nicht möglich, er ist nicht gewollt. Reale und vermeintliche Opfer erstritten einen immer vorsichtigeren Umgang mit den Akten. Helmut Kohl erwies mit seiner gerichtlich durchgesetzten Teilsperre seiner Akten der Aufklärung einen Bärendienst. Als es um die aus den USA zugewanderten Rosenholz- Dateien ging, war gerade die Befürchtung unter Politikern groß, ohne ihr Wissen abgeschöpfte West-Politiker könnten als IMs registriert worden sein.

Gerade das ist ja auch passiert. Und andere hatten nichts dagegen, von der DDR abgeschöpft zu werden. Es gab für West-Menschen viele interessante Kompensationsgeschäfte mit dem Gänsefüßchenstaat. Und es gibt nicht nur den Spitzel auf der einen und das unschuldige West-Opfer auf der anderen Seite, es gibt Teilschuld und abgestufte Abhängigkeitsverhältnisse. Die wirkliche Erhellung von Vergangenheit ist anstrengend und unbequem.

Wusste die Stasi immer genau, was sie wollte? Die Akten sind interne Notizbücher der Macht und umschreiben gern wirklich brisante Dinge. Sie vertuschen oft die Verantwortlichkeit des MfS. Und die Stasi stand im Verlauf ihres täglich praktizierten Klassenkampfes immer mehr vor dem Problem, nicht mehr zu wissen, ob sie den Westen abschaffen (zersetzen, destabilisieren) oder von ihm profitieren wollte und ihn zur Sicherung der DDR-Verhältnisse nutzen musste.

Was bedeutete die Summe aller Stasi-Aktivitäten im Westen? Solange diese Frage nicht beantwortet werden kann, ist die Chronologie der künftigen Skandale nicht vorhersehbar. Was tun? Das Akteneinsichtsgesetz ändern und mit der Archivierung und systematischen Erfassung der Akten beginnen. Also letztlich ihre Veröffentlichung für die Forschung und interessierte Öffentlichkeit betreiben. Eine Aufgabe für Jahrzehnte.

Der Autor ist Schriftsteller und ehemaliger DDR-Dissident.

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