Gastkommentar : "Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf"

Der Ethikunterricht mag schlecht umgesetzt werden, aber er vermittelt den gemeinsamen Blick auf die Welt. Anders, als wenn sich jede Religion zu dieser Auffassung durchringen müsste.

Alfred Grosser

In Berlin ist – wie in London oder Paris – Integration deshalb so wichtig, weil unterschiedliche Zusammengehörigkeitsgefühle zu Konflikten führen könnten oder bereits führen. Das Argument, dass der getrennte Religionsunterricht diese Integration fördern würde, kann ich nicht verstehen. Manche, die für „Pro Reli“ unterschrieben haben, klagen sicher über die Gefahr des von Ankara aus kontrollierten islamischen Unterrichts. Aber ist es nicht besser, wenn die Schüler Toleranz lernen dank eines gemeinsamen Ethikunterrichts?

Man sollte sich nicht verschrecken lassen durch total falsche Behauptungen wie die meines ehemaligen Studenten, Freundes und großen Mannes des Kirchenrechts, Axel von Campenhausen. Dieser sagt: „Der moderne säkulare Staat entbehrt einer einheitlichen weltanschaulichen Grundlage.“ Was sind denn die ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes? Welche Grundlage haben denn die Urteile des Gerichts für Menschenrechte in Straßburg? Und die Menschenrechtserklärung von 1948?

Wenn diese Deklaration im Ethikunterricht besprochen wird, so muss den islamischen Schülern erklärt werden, warum die Rechte der Frau und das Recht eines jeden, frei die Religion zu wechseln, in ihr verkündet werden (den katholischen Schülern übrigens auch, was die Gleichheit der Frau betrifft).

In Frankreich ist Philosophie Pflichtfach für Abiturienten. Und Ethik nimmt da einen großen Platz ein. In den katholischen Privatschulen auch, in denen übrigens seit 1959 die Lehrer ihr Gehalt vom Staat erhalten. Nur dass es dort heißt: „On propose la foi“ (man macht den Glauben zum Vorschlag) und nicht mehr „on impose la foi“( man zwingt den Glauben auf). Viele muslimische Mädchen und Jungen werden von katholischen Schulen aufgenommen. Der Gedanke, dass Religion ein Examensfach sein könnte, mit der Möglichkeit, dass die Schüler katechismustreu antworten würden, kommt erst gar nicht auf.

„Pro Reli“ sollte wenigstens zwei Formulierungen von Papst Johannes Paul II. überdenken: „Die Wahrheit kann jedoch auch dann, wenn sie erlangt wird – und das geschieht immer auf eine begrenzte und vervollkommnungsfähige Weise – niemals aufgezwungen werden“ (zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2002), und zweitens: „Die Aufklärung hat auch positive Erzeugnisse gehabt, wie die Ideen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die auch im Evangelium verwurzelt sind. Die Feststellung, dass dieser Prozess der Aufklärung oft zur Wiederentdeckung der Wahrheiten geführt hat, ist eine Quelle des Nachdenkens. Sogar die sozialen Enzykliken, von Rerum novarum bis zu Centesimus annus weisen darauf hin“ (in „Erinnerung und Identität“, 2005). Wo würde ein solch versöhnender, auf Gemeinsamkeiten hinweisender Text wohl am ehesten besprochen?

Im Religions- oder im Ethikunterricht?

Im Ethikunterricht darf man gestrost den Galaterbrief kommentieren: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ Gerade in Deutschland, wo in meinen Augen die katholische Kirche zu viel und die evangelische zu wenig verbietet. Und wo glücklicherweise die glaubenden Christen nicht mehr dasselbe Gottesbild haben wie die meisten ihrer Vorgänger, wie die amerikanischen und die Lefebvre- Fundamentalisten noch heute: Gott ist nicht mehr der zürnende, strafende, der den Seinen beisteht, um den bösen Feind zu vernichten, sondern der leidende Menschgewordene. Ein französischer Erzbischof, heute Vizepräsident unserer Bischofskonferenz, hat geschrieben: „Die Frage heute ist nicht die eines Kampfes der Gläubigen gegen die Ungläubigen, sondern der gemeinsame Blick auf den verletzten Menschen.“

Der Ethikunterricht mag schlecht umgesetzt werden. Aber dieser gemeinsame Blick wird durch ihn doch leichter allen Schülern zusammen verliehen – anders, als wenn sich jede Religion zu dieser Auffassung durchringen müsste.

Alfred Grosser ist Publizist und lebt in Paris.

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