Meinung : Gastkommentar: Auf der Suche nach der trivialen Zeit

Der Autor ist Korrespondent der britischen Zeitung

Mit meiner Frau und mir ist es schon so weit gekommen, dass wir es intellektuell anregender finden, bei Deichmann Hausschuhe einzukaufen, als neben Ariane Sommer bei so einem "Wohltätigkeitsdinner" zu sitzen. Das Problem war nur, dass die Verkäuferin nicht die richtige Größe fand. "Größe 38 ist verschwunden", sagte sie. "Es muss an diesem bin Laden liegen." "Bin Laden kauft bei Deichmann?", fragte ich erstaunt. "Ich dachte, das ist einer von diesen Nike-Typen."

Seit dem 11. September läuft eben nichts mehr, wie es soll. Die Zeitungen werden später ausgeliefert, die Schrippen sind schon mittags hart, und die Cowboys vom AMS Schlüsseldienst verlangen 313 Mark für einen neuen Briefkastenschlüssel. Die wissen genau, dass wir mit den Gedanken im Moment woanders sind. Und Schuld an allem ist natürlich bin Laden. Sein leicht mädchenhaftes Gesicht ist zum Symbol des Teufels geworden. Es scheint, als hätte ein einziges Gesicht, ein einziger Name eine politische Leerstelle besetzt.

Als ich meinen Schreibtisch aufräumte, sind mir Zeitungen vom 10. September in die Hände gefallen und haben mich daran erinnert, wie sehr damals die "Bunte" die Tagesordnung bestimmte: Scharping und seine Geliebte, Eichel (rechtzeitig zur Haushaltsdebatte) und seine Freundin, Sabine Christiansen allein zu Haus. Wie trivial die Welt doch war!

Mit dem 11. September ist wieder Ernsthaftigkeit in die Politik eingekehrt. Zum ersten Mal seit langem haben wir wieder eine Personifizierung des Bösen, eine Art Anti-Christ. Ich mache mir deswegen ziemliche Sorgen. Die "BZ" und andere Kampfblätter spritzen so viel Gift gegen bin Laden, dass aus dem Terrorist noch ein schillernder Star wird. Horst Mahler und seine Neo-Nazi-Roboter denken schon jetzt, dass er ein Held ist. Was bin Laden über Horst Mahler denkt, weiß man nicht.

Um die "BZ" muss man sich keine Sorgen machen. 1900 ist das Blatt genauso mit dem Mörder Rudolf Henning umgegangen. Die Boulevard-Blätter lieben Menschenjagden. Das eigentliche Problem ist aber nicht bin Ladens Image. Sondern: Was passiert, wenn er tatsächlich gefangen wird? Werden dann Amerikas Wunden heilen? Wird sich Amerika von der Weltpolitik verabschieden, abgesehen vom vermeintlichen "Krieg gegen den Terrorismus"? Amerika hat nachvollziehbare Rachegelüste. Aber hat es auch die Ausdauer für einen langen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind? Ich denke: nein - denken Sie nur mal an den "Krieg gegen Drogen".

Und was wird aus Post-bin-Laden-Deutschland? Kehrt das Land zur "Bunte"-Politik zurück? Vielleicht wird die Gesellschaft ein bisschen kälter, weniger gastfreundlich und der Staat ein bisschen härter, weniger tolerant. Bin Laden wird gefunden werden. Wir werden tanzen - wenn es sein muss, sogar mit Ariane Sommer - auf seinem Grab. Und dann?

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