Gastkommentar : Auf einen Joint mit Helmut Schmidt

In Deutschland herrscht ein übertriebener Respekt für die vermeintliche Weisheit der 80- und 90-Jährigen. Die Pausen und Auslassungen werden oft bedeutungsvoller gemacht als die Worte.

Roger Boyes

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, traute niemand außerhalb von Bayern seinem Vater oder Großvater. Keiner wäre auf die Idee gekommen, einen alten Mann um Rat zu fragen. Dabei war die 68er-Generation kein ausschließlich deutsches Phänomen: In den USA waren es die Veteranen des Zweiten Weltkriegs und des Koreakrieges, die in Vietnam junge Amerikaner in den Tod schickten; in Großbritannien hatte die Gleichgültigkeit der älteren Generation das Land die Wettbewerbsfähigkeit gekostet. Deshalb interessierte uns nicht, was die zu sagen hatte.

Inzwischen ist das Pendel umgeschlagen, und zumindest in Deutschland ist ein übertriebener Respekt für die vermeintliche Weisheit der 80- und 90-Jährigen festzustellen. Kein anderes Land, mit Ausnahme von Japan vielleicht, zelebriert die Senioren-Genies so ausgiebig. Sandra Maischbergers Talkshowgäste: eine Liste aus der Gruft. Hans-Jochen Vogel (84) und Heiner Geißler (80) zur Lage der Nation; Norbert Blüm (75) zur Rente; Arnulf Baring (79) zu allem; Ingrid van Bergen (79) zu Tierliebe; Otto Pfister (72) zur Weltmeisterschaft; Wolfgang Völz (79) zum Alkoholmissbrauch. Wenn ich die Sendung sehe, rechne ich fast damit, dass eine Krankenschwester auftritt, Pillen verteilt und Bettpfannen austauscht. Lisa Fitz war vor ein paar Tagen Gast, und es war wie eine Erlösung: die Stimme der Jugend (sie behauptet, 58 zu sein).

Um es deutlich zu sagen: Ich finde die Opa-Quote gut. Es ist richtig, dass ältere Menschen im Fernsehen auftreten und nicht ins Radio und die Spalten des „Rheinischen Merkurs“ verbannt werden. Aber die Umkehr der 68er-Haltung geht mir ein wenig zu weit. Klar, die Schlag-den-Raab-Generation soll Personen mit Autorität und Erfahrung ausgesetzt sein. Wenn sie schon keine Bücher mehr lesen, sollen sie wenigstens ein paar Minuten einem weisen Mann zuhören. Das war vermutlich die Idee hinter Giovanni di Lorenzos „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“: statt Passivrauchen ein bisschen Passivwissen. Die Formel des Lorenzo-Schmidt-Dialogs: einige biografische Enthüllungen („Ist tägliches Duschen dann in Ihren Augen Verschwendung?“ – „Mir genügt ein Bad in der Woche“), gefolgt von 30 Sekunden weltpolitischer Weisheit (Schmidt: „Ein heute neu gekauftes Auto kann man dann nicht essen“), und schon ist die Marlboro- Menthol aufgeraucht. Ein Joint mit Helmut Schmidt verriete vermutlich mehr.

Ich bin ein großer Bewunderer von Giovanni di Lorenzo – nicht nur weil er der Herausgeber dieser Zeitung ist –, aber ich verstehe die Faszination für Schmidt nicht. Als junger Mann war ich im Strategic Studies Institute in London im Publikum, als er versuchte, die neue Gefahr sowjetischer Raketen zu erklären, als Korrespondent der „Financial Times“ in Bonn war ich zu den Konzerten im Kanzlerbungalow eingeladen. Ich bewunderte Schmidts scharfe Intelligenz, seine Ungeduld mit Bürokraten, sein Krisenmanagement. Aber Charme hatte er keinen, er überschätzte seine Intelligenz und machte den einen oder anderen tollpatschigen Fehler. Er war kein großer Kanzler, wird heute aber so verkauft: Helmut, der Retter.

Das hat, vermute ich, zum Teil mit dem Rauchen zu tun („Haben Sie nie versucht, das Rauchen ganz einzustellen?“ – „Nee. Ich bin doch nicht verrückt“). Jeder, der sich dermaßen über politische Korrektheit hinwegsetzt und im Fernsehen Kette raucht, muss ohne Angst sein und ein Verkünder von Wahrheit. Und zum Teil hat das mit dem Gefühl zu tun, dass man aus der alten Generation so viel wie möglich herausholen sollte, weil sie bald sterben wird und ihr Wissen verloren geht.

Das reicht aber gleichwohl nicht, um den Ex-Kanzler zum Heiligen zu erklären. Diesen Veteranen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihren Platz in der Medienwelt des 21. Jahrhunderts zurückzugewinnen, ist zunehmend so, als ob man auf die Bühne eines Samuel-Beckett- oder Harold-Pinter-Stücks gerät: Die Pausen und Auslassungen sind oft bedeutungsvoller als die Worte.

Lasst Helmut Schmidt (und Marcel Reich-Ranicki) in Frieden; lasst sie trostvolle Ruhe jenseits der Fernsehkameras und Bestsellerlisten finden. Alte Menschen, das lehren uns die griechischen Philosophen, können uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen, wenn sie universelle Werte entdeckt haben und vermitteln können: wie wir mit dem Verlust Nahestehender umgehen können; wie wir in Krisen die Nerven behalten können; wie man Würde behält, wenn der Körper einen im Stich lässt. Das alles können wir von der älteren Generation lernen. Wir müssen nur die richtigen Fragen stellen und den Kassettenrekorder abstellen.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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