Meinung : Gastkommentar: Berlin knallrot

Pascale Hugues

Neue deutsche Normalität: Seit einigen Jahren ödet man uns in Podiumsgesprächen und Seminaren damit an. Deutschland ist vereint, ist souverän, erklärt man uns, vertritt seine Eigeninteressen, wünscht einen Sitz im UN-Sicherheitsrat und einen angemessenen Status der deutschen Sprache in den Europäischen Institutionen. Die "Berliner Republik" ist selbstbewusst, hat keine Komplexe mehr. Das Bild des politischen Zwergs, dem es so sehr darum ging, von allen geliebt zu werden, vor allem von den Nachbarn, ist begraben.

Der Regierungsantritt der rot-roten-Koalition in Berlin scheint Deutschland jedoch in in eine beunruhigende Regression zu treiben. Kommunisten an der Macht - und das in der Hauptstadt! Obendrein Pazifisten, nur wenige Monate nach dem 11. September! Mein Gott, ereifern sich Politiker und Chronisten: Was, zum Teufel, wird "das Ausland" dazu sagen? "Das Ausland" - dieser bedrohliche Richter, dieses erbarmungslose Über-Ich, das in den Nachkriegsjahrzehnten bei den politischen Entscheidungen Deutschlands ausschlaggebend war.

Ja, was denkt denn nun "das Ausland" über die Ankunft der PDS im Roten Rathaus? Es denkt ziemlich wenig. Eine elegante Art, auszudrücken, dass es ihm schnuppe ist. Die französischen Kommunisten stellen längst Bürgermeister und Minister - dabei sind die Anführer der PDS Chorknaben im Vergleich zu den harten Stalinisten, die jahrelang die Zügel in der französischen KP in der Hand hielten. Den Deutschen verzeiht man es im Übrigen, wenn sie noch einige pazifistische Skrupel haben angesichts ihrer Geschichte. In den anderen ehemaligen Ostblock-Staaten sind die Neokommunisten längst an die Macht zurückgekehrt. Eine normaler Rückzug. Kein Grund, kopflos zu werden. Warum soll Deutschland da eine Ausnahme bleiben? Zumal sich sich die demokratische Legitimation der PDS-Mitregierung schwer bestreiten lässt: bei 22,6 Prozent der Stimmen und jedem zweiten Wähler im Osten. Man muss es akzeptieren: "Das Ausland" hat nichts gegen ein knallrotes Berlin. Eher ist "das Ausland" es langsam leid, als Alibi herzuhalten, wenn die Deutschen mal wieder Probleme mit sich selbst haben.

Da wäre es schon besser zu fragen, was "das Ausland" von der K-Frage hält und den Kandidaten, die Deutschland womöglich vom Herbst an in aller Welt repräsentieren, falls die Schröder-Regierung kippt. Man hat sich seit Helmut Kohl daran gewöhnt, dass es deutschen Kanzlern an Esprit und Eleganz fehlt. Schließen Sie einen Moment mal die Augen und stellen sich die Freitreppe des Elysée vor, die Helmfedern der Garde Republicaine, die TV-Kameras. Wer soll die Stufen hinaufschreiten? Edmund Stoiber, der preußische Steifheit und bayrische Provinz atmet mit seinen 15 Trachtenknöpfen aus Horn an Weste und Jacket (ich habe selbst nachgezählt)? Ihm wird es kaum gelingen, das karikaturhafte Deutschlandbild der Franzosen zu verändern. Oder Angela Merkel?

Ach ja: Angela Merkel. Am Montag war ich noch voll des guten Willens. Die Arme tat mir ein bisschen leid. Und mir würde es gefallen, wenn eine Ostdeutsche das vereinte Deutschland regiert. Dann habe ich sie um 23 Uhr bei Beckmann gesehen. Ich habe vergeblich gekämpft. Ihr guter Vorsatz: öfter an die frische Luft gehen. Ihr Traum von Ferien: in Ruhe frühstücken und spazieren gehen. Um 23 Uhr 13 lief es darauf hinaus, dass ich einnickte und in die Tiefen meines Canapés sank.

Gestatten Sie "dem Ausland" eine Träumerei, die allerdings manchen unter Ihnen einen kleinen Schauder einjagen könnte: Gregor Gysi, wie er flott die Stufen zum Pariser Rathaus hinaufeilt. Schon prickelnder, oder?

Die Autorin schreibt für das französische Magazin "Le Point".

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