Gastkommentar : Beten für den Wandel

Ein Land im Ausnahmezustand: Warum dieser Freitag für den Machtkampf im Iran entscheidend sein kann.

Saba Farzan
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Foto: promo

Der morgige Freitag könnte einer der wichtigsten Tage in der jüngsten Geschichte Irans werden. Das obligatorische Gebet findet am Freitag an der Universität Teheran und allen anderen Großstädten statt. In normalen Zeiten wäre das unspektakulär, doch im Iran herrschen keine normalen Zeiten.

Das Land befindet sich seit dem 12. Juni im Ausnahmezustand. Und es sieht alles nach einer erneuten Eskalation aus. Mir-Hossein Mussawi hat angekündigt, mit seinen Anhängern zum Freitagsgebet zu erscheinen, und auch der frühere Präsident Chatami will an diesem Protest mitwirken. Es gibt zwar widersprüchliche Meldungen, dass Mussawi diese Aufforderung nicht persönlich verkündet haben soll, aber möglicherweise ist das nur eine propagandistische Nachricht, um Verwirrung unter seinen Anhängern und der Bevölkerung zu stiften.

Ein eindrucksvolleres Signal hätte Mussawi nicht senden können. An die Iraner und an die ganze Welt. Ein Oppositionsführer, der jederzeit bei einem öffentlichen Auftritt verhaftet werden kann, lässt sich von einer couragierten Volksbewegung tragen und beweist eigene Courage, indem er nicht eingeknickt ist.

Eingeknickt ist dagegen wohl ein anderer mächtiger Mann: Akbar Haschemi Rafsandschani. Er wird nicht nur am Freitagsgebet teilnehmen, sondern auch das Gebet sprechen. Was ist davon zu halten? Was wird Rafsandschani sagen? Es sieht so aus, als ob er sich in Harmonie mit Revolutionsführer Chamenei begeben wird. Rafsandschani, der wohl reichste Mann im Iran, hatte in den vergangenen Wochen in der Theologenstadt Qom versucht, eine Koalition aus Geistlichen zusammenzustellen, um Chamenei abzusetzen. Wahrscheinlich hat er erst jetzt verstanden, dass der Revolutionsführer im Iran seit dem 12. Juni praktisch nicht mehr existiert. Eine offene Militärdiktatur hat die Macht an sich gerissen, und hinter den Kulissen ist es Chameneis ältester Sohn Mojtaba, ein Revolutionsgardist, der die Fäden zieht.

Rafsandschani geht es vor allem um seine persönliche Existenz, um das iranische Volk hat er sich noch nie gekümmert. Deshalb wird es niemanden verwundern, wenn er nun keinen offenen Widerstand mehr leisten sollte. Er wird sich bestimmt nicht dafür aussprechen, dass alle politischen Gefangenen freigelassen werden. Umso bedeutender ist es, dass Mussawi und Chatami demonstrativ an diesem Freitagsgebet teilnehmen wollen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Akbar Haschemi Rafsandschani vor 20 Jahren Ali Chamenei als Revolutionsführer vorgeschlagen und ihn von einem kleinen Freitagsprediger über Nacht zum Großajatollah gemacht hat. Man könnte fast meinen, die jüngsten Ereignisse in der Führungselite der Islamischen Republik seien aus dem Drehbuch einer schlechten Seifenoper. Es ist aber bitterer Ernst – einer der gefährlichsten Machtkämpfe, ausgetragen auf dem Rücken der iranischen Bevölkerung.

Am vergangenen Donnerstag gingen in den iranischen Städten wieder tausende Menschen auf die Straßen und riefen: „Mojtaba, du wirst eher sterben, als dass du die Macht übernimmst!“. Am heutigen Donnerstag gibt es den Aufruf an alle Iraner, ab dem späten Nachmittag geschlossen ihre Häuser zu verlassen. Sie sollen mit einer Blume in der Hand auf der Straße friedlich stehen bleiben, und wenn der Sicherheitsapparat sich zurückhält, auf die Soldaten und Polizisten zugehen und ihnen Blumen überreichen. Auf Außenstehende mag das vielleicht naiv wirken, aber in der iranischen Kultur ist es ein kluger emotionaler Schachzug, um den Sicherheitsapparat auf die Seite der Protestbewegung zu ziehen.

Einige sagen, ein solcher emotionaler Schachzug sei für das kommende Freitagsgebet noch zu früh. Und Mir-Hossein Mussawis Aufforderung, falls die Menschen nicht durchgelassen werden, auf den Straßen zu beten, sei sehr gefährlich. Doch auch, wenn die Eskalation droht, die Iraner sind entschlossen und mutig genug, diesen Schritt zu gehen. Sie wissen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.

Die Autorin ist Soziologin und schreibt zu den Themen Iran und USA und zur iranischen Zivilgesellschaft.

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