Gastkommentar : Der Albtraum der Mullahs

Die iranische Präsidentschaftswahl wird nicht viel verändern - es hat sich nämlich schon viel verändert: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Mehrheit der Iraner ist proamerikanisch.

Saba Farzan

Es herrschen turbulente Zeiten im Iran. Die Atmosphäre so kurz vor den Präsidentschaftswahlen ist aufgeladen – und sie richtet sich gegen Mahmud Ahmadinedschad. Obwohl keiner der anderen Kandidaten eine echte Alternative zum populistischen Amtsinhaber darstellt – sie alle sind Teil der Elite der Islamischen Republik –, spürt die Bevölkerung doch, dass am 12. Juni eine Schicksalswahl stattfindet.

Deshalb unterstützt die junge Generation den Wahlkampf von Mir Hossein Mussawi über das Internetnetzwerk Facebook. Deshalb demonstrieren Studenten an der Teheraner Amir-Kabir-Universität und schlagen dort die Türen ein, damit der Kandidat Mehdi Karrubi eine Rede halten kann, die eigentlich verboten wurde. Und deshalb hat die Ehefrau von Mussawi eine Art Kultstatus unter den jungen Leuten erreicht, weil sie demonstrativ im Wahlkampf mitmacht und sich für die Rechte der Frauen ausspricht. Sie ist eine gesellschaftliche Ikone. Während vieles gegen Sahra Rahnawards Ehemann spricht, er ist schließlich ein Zögling von Chomeini und hat die Diktatur der Islamischen Republik von der ersten Stunde an mit aufgebaut, ist sie selbst eine intellektuelle, emanzipierte und provokative Frau. Ihre Verschleierung fing wie die Verschleierung von so vielen Millionen Frauen erst mit dem Beginn der Islamischen Republik an – unfreiwillig. In den 70ern stand sie der Bewegung um den Soziologen Ali Shariati nahe, der wegen seiner Kritik am Klerus niemals ein Konservativer war. Als Dekanin der Al-Sahra-Universität in Teheran wurde sie vor einigen Jahren durch Einwirken der Konservativen entlassen.

Was bedeutet das alles für die Wahl? Ist ein echter Wandel zu erwarten? Sicher nicht. Das Ergebnis der Wahl hat (fast) keine Bedeutung, denn es wird kein demokratisches sein. Von Bedeutung ist jedoch die Panik, die im System dieser Republik verbreitet ist, dass ihr selbst eine undemokratische Wahl solche Angst macht.

Wichtig sind dabei zwei Aspekte: die miserable wirtschaftliche Lage und die vom Volk erhoffte Annäherung an die USA. Es sind nicht nur der niedrige Ölpreis und das Embargo, die verheerend für die iranische Wirtschaft sind, sondern auch das katastrophale Wirtschaftssystem selbst, das planwirtschaftlich organisiert und in staatlicher Hand ist. Gerade auch deshalb wünscht sich die iranische Bevölkerung, dass ihre Führung endlich mit ihrem Feindbild bricht und mit den USA in einen Dialog tritt. Einen Dialog den die Breite der iranischen Gesellschaft längst vollzogen hat: Die größte exiliranische Gemeinschaft lebt in den USA und die jungen Iraner kommunizieren mit der ganzen Welt. Die Islamische Republik hat Jahrzehnte mit einem rückständigen Feindbild gearbeitet und ist nun in ihrem größten Albtraum aufgewacht, dass die Mehrheit der Iraner proamerikanisch ist.

Was wird nun passieren, wenn diese Hoffnungen auf mehr Freiheit, auf bessere Lebensbedingungen und auf ein Ende der Isolation in den kommenden Jahren weiterhin nicht erfüllt werden? In den vergangenen vier Jahren war jede wichtige soziale Gruppe in der iranischen Gesellschaft auf der Straße und hat für ihre Rechte demonstriert – von den Frauen, Studenten, Arbeitern, Gewerkschaftern, Lehrern bis hin zu den konservativen Basarhändlern. Wer die iranische Bevölkerung abgeschrieben hatte, wurde in letzter Zeit eines Besseren belehrt, denn sie hat sich immer wieder mobilisiert und kämpft couragiert für ihre Ideale. Ohne diese zivilgesellschaftlichen Bewegungen in der iranischen Gesellschaft wäre ein so starkes Engagement wie in diesen Wochen vor der Wahl nicht möglich gewesen. Es zeigt sich, dass der Prozess der jüngsten Vergangenheit spannender und aussagekräftiger ist, als die Wahl am Freitag und auch als das Wahlergebnis selbst.

Die Autorin ist Doktorandin im Fach Politische Soziologie an der Universität Bayreuth.

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