Gastkommentar : Der deutsche Virus des Zweifels

In Sonntagsreden sind sich alle einig, dass mehr deutsche Sprache in Kindergärten und Schulen notwendig ist, doch schon montags fürchtet man Assimilierungsdruck und Entwurzelung. Kulturelle Selbstbehauptung? Nicht mit uns!

Alexander Gauland

Man kann die Forderung, die deutsche Sprache im Grundgesetz zu verankern, als eine dem Restalkohol der Delegierten geschuldete „blöde Idee“ abtun, wie das eine führende deutsche Zeitung tat. Man kann auch Steuersenkungen und höhere Bildungsausgaben für wichtiger halten, wie es FDP und Grüne tun. Doch schon die hitzige Diskussion zeigt, dass es um mehr geht als die überflüssige, weil sinnlose Überfrachtung des Grundgesetzes mit einer weiteren Selbstverständlichkeit.

Hinter dem neuen Sprachenstreit stecken unterschiedliche Konzeptionen von Deutschland und dem deutschen Volk. Denn wie anders lässt sich die latente Aggressivität der Kritiker von Gesine Schwan bis hin zu türkischen Lobby-Verbänden erklären, die nur Ausländerfeindlichkeit am Werk sehen wollen? Und wie kann ein Vorstoß, der sinn- weil wirkungslos ist, zugleich wirksam ausländerfeindlich sein?

In Sonntagsreden sind sich alle einig, dass mehr deutsche Sprache in Kindergärten und Schulen notwendig ist, doch schon montags fürchtet man Assimilierungsdruck und kulturelle Entwurzelung. Was in anderen Ländern und Verfassungen gang und gäbe ist, wird in Deutschland zum Spaltpilz der Gesellschaft. Letztlich favorisieren die Kritiker den multikulturellen Vielvölkerstaat gegenüber der einheitlichen Sprach- und Kulturnation, wie sie uns die französische Revolution hinterlassen hat.

Gerade dieses Modell aber ist überall in Europa gescheitert, zuletzt blutig in Titos Jugoslawien. Was in Amerika, Frankreich und England unstrittig ist, die sprachliche Leitkultur des Gastlandes, ist in Deutschland von Zweifeln übermäßiger Selbstreflexion durchsetzt. Auschwitz hat nicht nur die deutsche Geschichte, sondern auch Sprache und Kultur mit dem Virus des Zweifels infiziert. Und so trifft eine selbstbewusste islamisch-türkische Gemeinschaft auf eine deutsche Gesellschaft, der die kulturelle Selbstbehauptung kein Anliegen mehr ist.

Die Diskussion verdeckt das Eigentliche: Wie soll Deutschland in 100 Jahren aussehen, leben und eben sprechen? In einem haben die Kritiker des CDU-Vorstoßes bestimmt recht: Statt unwirksamer Deklarationen wäre eine ehrliche Debatte vonnöten. Was heißt es, dass Deutschland jetzt nach Ansicht vieler ein Einwanderungsland ist? Bestehen wir weiter auf der einen unteilbaren Nation oder finden wir uns ab mit einer multiethnischen Gemeinschaft, in der die Deutschen nur noch eine Gruppe im Vielvölkerstaat sind?

Die Antwort darauf ist auch eine im neuen Sprachenstreit, und nur weil die politische Korrektheit eine ehrliche Diskussion erschwert, ist man auf diesen Ausweg verfallen. Wie heißt es so schön: Man merkt die Absicht – und ist verstimmt.

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